Einer von uns – Trailer und Kritik zum Film

Einer von uns – Trailer und Kritik zum Film
Am Anfang und am Ende von “Einer von uns” steht ein Bild, das es so nicht geben sollte: Zwischen bunten Supermarktregalen liegt ein Teenager, erschossen von einem Polizisten. Der Tod des 14-jährigen Florian P. im Sommer 2009 in einem Merkur-Markt in Krems-Lerchenfeld hat Stephan Richter zu seinem eindringlichen Spielfilmdebüt inspiriert, das am Samstag bei der Viennale Premiere feiert.

Zwei Jugendliche aus der Umgebung waren in der Nacht auf 5. August 2009 unbewaffnet in den Supermarkt eingestiegen. Nach dem Eintreffen zweier Polizisten fielen drei Schüsse, der 16-jährige Roland T. wurde schwer verletzt, der 14-jährige Florian P. getötet. Der rechtmäßige Schusswaffengebrauch wurde danach öffentlich heftig diskutiert, der verantwortliche Polizist zu acht Monaten bedingter Haft wegen fahrlässiger Tötung unter besonders gefährlichen Verhältnissen verurteilt. Er arbeitet noch immer bei der Polizei, versieht Innendienst in St. Pölten.

Einer von uns – Die Geschichte

Wie sehr der tragische Vorfall bis heute polarisiert, hat schon die Ankündigung des Filmprojekts gezeigt. In Kommentaren unter einem Online-Artikel der “Kronen Zeitung” war vor der Uraufführung beim Filmfestival von San Sebastian von “linkem Machwerk” die Rede, von der Glorifizierung von Verbrechern und der pauschalen Verteufelung von Polizisten. Stephan Richter, 1980 in Dresden geboren und seit 2002 in Wien lebend, aber tut nichts von alledem. In seiner unaufgeregten Erzählung gibt es keine Teufel, sondern nur Verlierer.

Schauplatz ist der fiktive Supermarkt Merx, irgendwo im niederösterreichischen Niemandsland. In der Betonwüste rund um den Konsumpalast treffen sich regelmäßig Jugendliche wie Victor (Christopher Schärf), der gerade aus dem Gefängnis entlassene Marko (Simon Morze) und der neugierige Julian (Jack Hofer). Die jugendliche Rebellion äußert sich im Alkohol- und Graskonsum, ab und an in kleinen Diebstählen und im an die Wand gesprayten Schriftzug ACAP (“All cops are bastards”). Die Stimmung zwischen Autorität und Jugend ist aufgeheizt, nur ein Blick reicht als Provokation, nur der Aufenthalt in der Nähe des Markts lässt den verunsicherten Supermarktleiter Herr Winkler (stark: Markus Schleinzer) bereits die Polizei rufen.

Die Spannung, das macht Richter schon in den einleitenden Bildern klar, wird sich in einer verhängnisvollen Nacht entladen. Victor und Marko nehmen Julian auf eine ziellose Autofahrt mit, es wird getrunken und geraucht und gerangelt. Langeweile führt sie zum längst geschlossenen Supermarkt, wo Marko und Julian über einen riesigen Müllcontainer mühelos ins Geschäft einsteigen, durch die verlassenen Gänge streifen – und damit unbewusst einen stillen Alarm auslösen. Wenig später treffen zwei Polizisten ein, die Buben verstecken sich. Doch bei der Flucht durch das dunkle Labyrinth des Supermarkts fallen drei Schüsse. Einer davon, abgegeben vom Polizisten Werner (Andreas Lust) in nächster Nähe von hinten, tötet Julian.

Einer von uns – Die Kritik

Richter sieht davon ab, die Tat des Polizisten psychologisch zu ergründen oder die familiären Hintergründe der Jugendlichen auszubreiten, lässt Raum für Interpretation und das erschreckende Bild des toten Teenagers für sich sprechen. Dicht und distanziert erzählt, subtil und respektvoll gespielt, ist “Einer von uns” eine treffende Milieustudie, in der die schwelende Aggression und das beklemmende Gefühl von Ausweglosigkeit praktisch greifbar sind. “I glaub, wir san scho vü zlang in dem Kaff”, sagt Werners Kollege Georg (Rainer Wöss) einmal. Ein Gefühl, das die Polizisten mit den Jugendlichen gemein haben.

Der Supermarkt, für den der Welas Park in Wels herhielt, ist Dreh- und Angelpunkt, dient als symbolischer Ort für die kontrollierte, ausgrenzende Konsumgesellschaft. Immer wieder filmt Enzo Brandner die symmetrisch angeordneten, endlos scheinenden Regale mit all den Dingen, die sich Julian und Co. nur wünschen können, und den riesigen Müllcontainer, in den Tag für Tag abgelaufene, aber brauchbare Produkte wandern. Am Ende sind die Protagonisten regungslos, während blaues Waschmittel aus einem Kanister und Mehl aus einer Kartonpackung austritt. Etwas hat sich verschoben. Mittels kleiner, beiläufiger Momente macht der zuvor Film deutlich, dass es nicht so hätte kommen müssen: Eigentlich sollte Julian an diesem Abend zu seiner Freundin Lena, die sturmfrei hat; und Werner wollte seine Schicht ursprünglich tauschen.

Zu schnell sei man damals wieder zur Tagesordnung übergegangen, sagte Stephan Richter im APA-Interview zum Film. Mit seiner Interpretation ermöglicht er einen anderen Blickwinkel, öffnet alte Wunden der notwendigen Empörung wegen, führt uns frei von Schuldzuweisungen und reißerischer Inszenierung eine Gesellschaft vor Augen, die Menschen aus ihrer Mitte an den Rand stellt und dort sich selbst überlässt. “Ich wollte kein Betroffenheitskino machen, sondern ein Bewusstsein für diese Jugendlichen und für das, was überhaupt passiert ist”, sagt Richter. Es ist ihm eindrucksvoll gelungen.

(APA)

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