Ein Sommer wie damals: Mit F. Scott Fitzgerald und Co. an der Côte d’Azur

Von Daniela Herger
Emily Walton widmet sich in ihrem Buch einem spannenden Kapitel der Literaturgeschichte
Emily Walton widmet sich in ihrem Buch einem spannenden Kapitel der Literaturgeschichte - © Franz Weingartner / Braumüller
Ein Stück Literaturgeschichte live nacherlebbar gemacht: Jungautorin Emily Walton ist es in ihrem Buch mit dem etwas sperrigen Titel “Der Sommer, in dem F. Scott Fitzgerald beinahe einen Kellner zersägte” gelungen, zahlreiche Autoren für den Leser lebendig zu machen, die in den Goldenen Zwanzigern das Literaturgeschehen prägten.

“Was passiert, wenn F. Scott Fitzgerald, Ernest Heming­way, Dorothy Parker und Pablo Picasso ihren Sommerurlaub in einem südfranzösischen Fischerdorf verbringen?” Dieser Frage ist die gebürtige Britin Emily Walton in ihrem Buch in aller Gründlichkeit nachgegangen. Sie nimmt ihre Leser mit an die Côte d’Azur und beschwört Ereignisse herauf, die sich so oder so ähnlich im Sommer 1926 tatsächlich dort zugetragen haben.

Emily Walton inszeniert Sternstunden der Weltliteratur

Ein Who is Who der ganz großen Namen des literarischen Kanons sowie der prägenden Künstler-Persönlichkeiten dieser Ära gibt sich dabei ein Stelldichein – vom zentralen, im Titel genannten F. Scott Fitzgerald und seiner Frau Zelda über Ernest Hemingway und Dorothy Parker bis hin zu Sara und Gerald Murphy. Letztere sind im genannten Zeitraum Besitzer der Villa America auf dem Cap d’Antibes in Juan-les-Pins, wo während der warmen Monate der Champagner in Strömen fließt und sich alles zum gemeinsamen Feiern, Charleston Tanzen, Philosophieren und Socializen trifft, was Rang und Namen hat. Touristisch soll der Schauplatz dieser Anekdoten erst in den darauf folgenden Jahren werden.

F. Scott Fitzgerald befindet sich 1926 nach seinem im Vorjahr veröffentlichten Roman “The Great Gatsby” auf dem Höhepunkt seiner Karriere – leidet jedoch in dem bewussten Sommer unter einer schwerwiegenden Schreibblockade, die es ihm nicht erlaubt, seine Zeit am Schreibtisch zu verbringen und sich ernsthaft dem Verfassen seines im Herbst fälligen neuen Romanes zu widmen. Lieber fällt er als Enfant Terrible durch Störaktionen im stets gut besuchten Haus seiner Freunde auf, die seiner Meinung nach dem jüngeren, aufstrebenden literarischen Talent Ernest Hemingway entschieden zu viel Zeit und Aufmerksamkeit widmen. Er giert nach der Anerkennung oder auch nur Beachtung seiner Freunde, die ihm für seine Begriffe nur ungenügend zuteil wird.

“Der Sommer, in dem F. Scott Fitzgerald beinahe einen Kellner zersägte”

Infolgedessen spricht er stets über Gebühr dem Alkohol zu und kommt unter dessen Einfluss auf die haarsträubendsten Ideen – wie etwa jene, einen Menschen entzweizusägen. Das gefährliche und potentiell tödliche Unterfangen, das dem Roman seinen Titel gegeben hat, scheitert jedoch glücklicherweise, wie so viele andere Ansinnen F. Scott Fitzgeralds, den wir als Leser im Zuge des Buches praktisch in eine Abwärtsspirale begleiten.

Seine Frau Zelda, die gesundheitlich und psychisch sehr angeschlagen ist, hat in ihrem Gatten während dieser Phase keine Stütze, so dringend sie diese auch benötigen würde. Er wirft mit Geld um sich, das er im Grunde nicht hat, und lässt kein noch so hedonistisches Abenteuer aus. Am Ende des Sommers 1926, als es still und trostlos wird an der Côte d’Azur, und die Fitzgeralds in die USA zurück reisen, steht der Erfolgsautor mittellos da und hat auch kein Manuskript vorzuweisen.

Was geschah wirklich im Sommer 1926?

Die Schilderungen Emily Waltons lesen sich anschaulich, zuweilen ein wenig langatmig. Was dem Roman definitiv gut getan hätte, wären mehr Dialoge gewesen, um die Beschreibung der Ereignisse aufzulockern und einen als Leser noch tiefer in den Sog des Geschehens zu ziehen. Was offen bleibt, ist die Frage nach dem Wahrheitsgehalt des Buches. Denn wie nahe sich Walton bei ihrem ambitionierten Projekt, für das sie viele der Originalschauplätze bereiste und sich zu Recherchezwecken nach Princeton, New York, Paris und Antibes begab, an die Realität hält, ist für den Leser nicht ganz nachvollziehbar.

Lediglich eine kurze Liste der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur ist dem Roman nachgestellt – dazu die knappe Anmerkung, Walton habe für das Buch auf Briefe, Biografien, Memoiren, Tagebücher, Artikel und wissenschaftliche Publikationen zurückgegriffen, die teils nur in Antiquariaten und Archiven erhältlich seien. Man kann der Autorin also nur glauben, was sie erzählt – oder sich, inspiriert von ihr, auf eigene Faust auf literarische Spurensuche begeben. Lust darauf macht “Der Sommer, in dem F. Scott Fitzgerald beinahe einen Kellner zersägte” allemal.

Emily Walton: “Der Sommer, in dem F. Scott Fitzgerald beinahe einen Kellner zersägte”, Braumüller Verlag, 168 Seiten, 19,90 Euro

(DHE)

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