10. Februar 2012 06:14; Akt.: 10.02.2012 06:17

Ein Regiment der Bösartigkeit

Betroffene, die in Maria Nowak-Vogls Kinderbeobachtungsstation gelitten haben, können sich mit ,Kinder- und Jugendanwalt Michael Rauch in Verbindung setzen: Tel. 05522 84900 Betroffene, die in Maria Nowak-Vogls Kinderbeobachtungsstation gelitten haben, können sich mit ,Kinder- und Jugendanwalt Michael Rauch in Verbindung setzen: Tel. 05522 84900 - © VN
Bregenz, Innsbruck – Hunderte Kinder durchlitten teilweise Monate in Innsbrucker Beobachtungsstation.

Ein hoher Eisenzaun, Türen ohne Klinken, vergitterte Fenster, Anstaltskleidung, eine spartanische Einrichtung, Kameras und Lautsprecher – so umreißen ehemalige Patienten der Innsbrucker Kinderbeobachtungsstation, die über Jahrzehnte auch viele Vorarlberger durchliefen, ihre ersten Eindrücke. Die 1998 verstorbene Fachärztin für Nerven- und Geisteskrankheiten Maria Nowak-Vogl leitete die Anstalt über Jahrzehnte praktisch unbeeinflusst. Sie unterzog Kinder Experimenten. Mädchen wurden tierische Präparate gespritzt, um ihre Sexualität zu dämpfen. Die „VN“ berichteten. Nowak-Vogl war auch in Vorarlberg beschäftigt.  

Am Jagdberg tätig

„Sie war durch Jahre hinweg im Landeserziehungsheim Jagdberg tätig“, bestätigt Univ.-Prof. Dr. Peter König (66). „Die Vorarlberger Landesregierung hatte sie als Konsiliarärztin dort bestellt.“ Der Feldkircher Psychiater und Neurologe hat Nowak-Vogl Ende der 1970er-Jahre „als eine skurrile, merkwürdige Dame“ erlebt. Im Kollegenkreis kursierten Gerüchte über ihre „unverhältnismäßig große Strenge“. Als Nowak-Vogls Medikamentenmissbrauch u. a. mit dem Tierpräparat Epiphysan durch einen Fernsehbeitrag 1980 bekannt wurde, holte die Uniklinik die Kinderbeobachtungsstation zwar aus Innsbruck-Hötting ins Stammhaus zurück. Nowak-Vogl aber blieb noch volle sieben Jahre im Amt. Noch heute fragt sich König, „weshalb sich die Klinikchefs Kornelius Kryspin-Exner und Hartmann Hinterhuber nicht von ihr befreien konnten“. Fest steht: „Beide waren sehr unglücklich über ihre Person.“

„Lügende, stehlende Kinder“

Die 1954 gegründete Kinderbeobachtungsstation war Nowak-Vogls Idee gewesen. In dieser Station wollte sie die „verwahrlosten“ Kinder aufnehmen, also „die unverbesserlich lügenden, stehlenden, bettnässenden Kinder, diejenigen, die mit ihrem Trotzalter nicht fertig werden, die neurotischen und die psychopathischen Kinder im Allgemeinen, also alle jene, bei denen uns langsam die Geduld ausgeht.“ So Nowak-Vogel im Originalton. In der Beobachtungsstation wollte die Ärztin entscheiden, wie es mit diesen Kindern weitergehen sollte. Der Innsbrucker Zeithistoriker Horst Schreiber (51) hat Details recherchiert: „Die Beobachtungsstationen übten Gutachterfunktionen aus, wenn die Wohlfahrt über die weitere Zukunft des Kindes zu bestimmen hatte.“ Die Sozialarbeiterin Sabine Schöch, die auf der Innsbrucker Station tätig war, spricht von vielen Vorarlberger und Südtiroler Kindern. Auch der Vorarlberger Kinder- und Jugendanwalt Michael Rauch (50) weiß, dass Betroffene aus dem Jagdberg immer wieder zur Abklärung wochen-, teilweise monatelang dort ein­gewiesen wurden. „Die Zustände kann man durchaus als schrecklich bezeichnen.“

Sexualität absolut tabu

Die ehemalige Patientin Anna Kapfinger zeichnet eine Atmosphäre voller Demütigungen. „Sexualität war tabu.“ Sie beschreibt dem Historiker Horst Schreiber gegenüber, „wie dem kleinen Fritz vom Klinikpersonal mit dem Abschneiden des Penis gedroht wurde, wenn er nicht aufhöre, mit seinem Geschlecht zu spielen“. Ihr selbst habe man etwas Schmerzhaftes in die Scheide gegeben, „das wie Salz brannte“. Auch Stromstöße habe sie verpasst bekommen, kalte Duschen erfuhr sie am eigenen Leib. Eine andere Patientin, Brigitte Trager, berichtet von zahlreichen Injektionen: Bei Nowak-Vogl seien die Kinder in Zweierreihen angestanden und gestochen worden. Dann habe man sie auf Matratzen gelegt und beobachtet. All das hat der Historiker Horst Schreiber zusammengetragen. Bettnässer mussten noch in den 1970er-Jahren auf Klingelmatratzen schlafen, die einen schrillen Alarmton von sich gaben, sobald Flüssigkeiten ruchbar wurden. Körperliche und seelische Misshandlungen hatten offenbar Methode.

„Ich erfahre alles über dich“

Der Innsbrucker Erziehungswissenschaftler Volker Schönwiese (64) erlebte 1970 als Student ein Entlassungsgespräch mit, das Nowak-Vogl mit einem Kind im Vorschulalter führte. Den VN bestätigte er das Erlebte: „Sie redete auf das Kind in einem Ton ein, der von Satz zu Satz bedrohlicher wurde, und sagte immer und immer wieder: ‚Du lügst, das stimmt nicht, du hast gelogen, du lügst, aber ich werde immer draufkommen, du kommst nach Hause, aber ich erfahre alles über dich, glaube nicht, dass du irgendetwas tun kannst, das ich nicht erfahre. Ich warne dich, wenn ich irgendetwas über dich erfahre, du bist gleich wieder da.‘ Das war das Entlassungsgespräch der Vogl gegenüber einem verschreckten, kleinen Kind, das völlig verdattert und zittrig dastand.“

(VN/ Thomas Matt)


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