Diskussion in Wien: “Der Islam hat ein Problem in Europa und in der Welt”

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In Wien wurde über die Rolle des Islam in Europa diskutiert.
In Wien wurde über die Rolle des Islam in Europa diskutiert. - © APA/Hans Klaus Techt
Mittwochabend wurde an der Diplomatischen Akademie in Wien über die Rolle des Islams in Europa diskutiert. Islam-Theologe Ednan Aslan stellte klar, dass kritische Fragen nicht automatisch islamophob seien.

Welche Rolle hat – oder kann – der Islam in Europa haben? Welche Rolle hat Europa im Islam? Es waren wohl zwei der aktuell brennendsten Fragen, die am Mittwochabend bei vollem Haus an der Diplomatischen Akademie in Wien diskutiert wurde.

Grundtenor der Debatte vom Österreichischen Institut für Internationale Politik: Der Islam und die muslimische Glaubensgemeinschaft in Europa und am Balkan dürften nicht in alte Muster zurückfallen und sich gegenüber Kritik verschließen.

Islam-Diskussion: Kritische Fragen “nicht islamophob”

“Der Islam hat ein Problem in Europa, der Islam hat ein Problem in der Welt. Wer etwas anderes sagt oder behauptet, das sei eine europäische Erfindung, der denkt nicht”, stellte der Islam-Theologe Ednan Aslan gleich zu Beginn fest. Er gab zu bedenken, dass man in Europa Sorgen mit dem Islam habe, “die Gewalt produzieren”. Das sei unter anderem auf ein grundsätzliches theologisches Problem zurückzuführen: “Man muss sich Gedanken machen, wo das herkommt – und wie wir das behandeln können.” Das sei aber nicht nur die Aufgabe der Glaubensgemeinschaft, das sei eine “gesamtgesellschaftliche Aufgabe”. Aslan strich hierbei besonders die Rolle von kritischen Stimmen hervor: “Wir müssen den Islam hier mit kritischen Fragen konfrontieren dürfen. Das ist nicht islamophob.”

Innerhalb der Religion sei hier den Frauen eine besondere Rolle zuzudenken, so Carla Amina Baghajati von der Islamischen Glaubensgemeinschaft. Die kritischen Stimmen und die Inklusion sei da gerade bei bosnischen Muslimen gut zu beobachten: “Ich wünsche mir oft, dass die Stimme (der bosnischen muslimischen Frauen, Anm.) noch stärker wäre. In (den bosnischen, Anm.) Communities erlebe ich Frauen als sehr stark – sie sind auch bereit, einmal anzuecken.” Die Frauen wären bereit, in den direkten Diskurs mit Männern hineinzugehen – und davon “geht die Kraft aus, kritische Fragen zu stellen.” Sie würden weiterbohren und nachhaken, merkte Baghajati an. “Diese Frauen bringen den Mut hervor, patriarchale Sichtweisen zu ändern und nicht einfach autoritätsgläubig die Auslegung anzunehmen”

“Brauchen einen Islam, der pluralitätsfreundlich ist.”

Eine ähnliche Öffnung – auch im Islam selbst – wünscht sich auch der Theologe Aslan. “Wir brauchen einen Islam, der pluralitätsfreundlich ist.” Dennoch: Man wolle nicht auf den Islam übertragen, dass “Europa das Maß aller Dinge” sei. Auch von außen kämen Impulse, die wertvoll seien, so Baghajati.

“Wenn wir als Moslems Ansprüche haben, sollten wir diese Ansprüche mit Vernunft begleiten. Wir müssen sehen, wo wir leben und das auch in unserer Lebensweise reflektieren.” Dabei ginge es nicht nur um die Kopftuchdebatte – sondern um mehr: Man müsse der österreichischen und europäischen Umgebung erklären, wie es zu bestimmten Lebensweisen kommt, so Aslan. Es könne keinen “europäischen Islam geben”, wenn sich der Islam anhand von theoretischem und theologischem Hintergrund nicht gegen die Einflüsse von außen wehren könne.

Vergleichsweise wenig wurde die Radikalisierung behandelt. Alev Korun, die Grünen-Sprecherin für Menschenrechte, Migration und Integration, schnitt das Thema mit ihrer Publikumsfrage aber dennoch an. Wie man die jungen – gefährdeten – Leute denn für die europäische Demokratie gewinnen könne, wollte sie wissen. Robert Pichler, Grazer Historiker in Berlin, dazu: “Rezepte gibt es keine – aber man sollte anfangen, genauer hinzuschauen.” Man müsse die Radikalisierung in einen breiteren Kontext setzen und “nicht nur auf den Islam schauen.” Der Blick der Politik müsse mehr dorthin gehen, wo der Islam Tag für Tag gelebt werde – “nach unten.” Erst wenn man alle Ursachen für Radikalisierung ausgemacht habe, könne man sich bewusst machen, wie man dagegen vorgehen kann, so Pichler.

(APA, Red.)

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