Die Wiener Uni: Alt und gebrechlich

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Die Wiener Uni: Alt und gebrechlich
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Gastkommentar von Andreas Unterberger Es ist eine ziemliche Schande: Die Wiener Universität hat offensichtlich eine Werbe-Agentur notwendig, um bei ihrem 650-Jahr-Jubiläum öffentlich noch zur Kenntnis genommen zu werden.

Dabei müssten sich eigentlich die Gratulanten und Jubler in langen Schlangen anstellen, wenn so ein stolzes Jubiläum zu feiern ist. Ist doch die Wiener Universität sowohl der Größe wie auch dem Altern nach eine weltweit imposante Erscheinung.In vielen anderen Aspekten ist sie das jedoch nicht mehr. Noch bei ihrem letzten runden Jubiläum vor 50 Jahren war die Universität der Stolz der ganzen Stadt, der ganzen Nation. Ganz ohne Tätigwerden einer von der Uni – also aus Steuergeldern – bezahlten Werbe-Agentur.

Wenn sich heute die Uni hingegen mit flotten Agentur-Sprüchen, bunten Fahnen und gekauften(!) Seiten in Tageszeitungen zu vermarkten versucht, stellt sie sich in Wahrheit selbst in eine Kategorie mit Hausmeister-Firmen, Bade-Thermen und Auto-Marken, die ebenfalls mit Hilfe einer Werbe-Agentur werben. Wo sind eigentlich all die Philosophen und Möchtegern-Vordenker der Uni, die sich sonst über viele kleinere Kleinigkeiten öffentlich erregen?

Zehnmal wichtigster als all die Turnübungen einer bezahlten Agentur wäre es jedenfalls, wenn die Universität endlich wieder in den wahrnehmbaren Bereich wenigstens eines wichtigen internationalen Rankings vorstoßen könnte. Aber davon ist sie weiter weg denn je. Offenbar zu Recht. Denn wenn man in den letzten Jahren Informationen in die Hände bekommen hat über das, was mitteilungswürdige Forschungsleistungen der Uni Wien sein sollen, dann hat man sich oft gedacht: Das kann doch nicht wahr sein. Und die Bildungsqualität so mancher Absolventen der Uni liegt deutlich unter dem, was man sich von einem Maturanten erwartet. Etwa die Fähigkeit, einen halbwegs fehlerlosen Aufsatz mit einem roten Faden zu einem selbst(!)gewählten Thema zu schreiben, oder die Fertigkeit, eine englische Unterhaltung zu führen, sind ja nicht allzu hohe Anforderungen.

Freilich: Die Hautverantwortung für den wenig aufregenden Zustand aller Universitäten und ganz besonders der Wiener Haupt-Uni liegt bei Republik und Stadt. Alleine die Tatsache, dass diese auf nicht weniger als 70 Standorte verstreut ist, ist schon eine Katastrophe. Denn die besten Universitäten im Ausland gedeihen auch deshalb so gut, weil einander dort Wissenschaftler der unterschiedlichsten Disziplinen regelmäßig über den Weg laufen und sich geistig immer wieder gegenseitig befruchten. In Wien ist das völlig unüblich, da werken irgendwo in der Stadt unkommunikative Monaden vor sich hin.

Noch viel katastrophaler ist der Umstand, dass es keine mengenmäßige Begrenzung der Studentenzahlen gibt. 93.000 ist eine gigantische Zahl. Wohlgemerkt: diese Zahl bezieht sich nur auf die Haupt-Uni! Dazu kommen in Wien Großuniversitäten wie die TU, die WU, die MUW, die Tierärztliche, die Bodenkultur, mehrere Kunstunis . . .

Während sich MUW (Medizin) und WU (Wirtschaft) zum Großteil ihre Studenten nach qualitativen Gesichtspunkten aussuchen können, muss die Haupt-Uni in den meisten Studienrichtungen nehmen, was überbleibt. Also: was an den anderen österreichischen Unis die Aufnahmesprüfung nicht schafft, was von den diversen Fachhochschulen und Akademien aus Qualitätsgründen nicht genommen wird, was im Ausland nicht unterkommt, was in Deutschland am Numerus clausus scheitert.

Ein Jammerbild – an dem primär die Politik schuld ist. Denn vor allem die SPÖ kämpft mit einer Energie, die wertvolleren Dingen würdig wäre, gegen eine Ausdehnung der Aufnahmsprüfungen. Die Partei gibt es zwar nicht offen zu, aber dennoch ist das Hauptmotiv völlig klar: Universitäten, an denen man fast ohne jede Beschränkung so lange bleiben kann, wie man will, sind der beste Puffer, um die Arbeitslosenzahlen niedrig zu halten. Denn Studenten scheinen ja in keiner AMS-Statistik auf. Und daher kann man weiter behaupten, in Österreich wäre die Arbeitslosigkeit niedrig.

Die von Politikern noch immer gern verbreitete Mär, dass ein Studium jedenfalls die berufliche Zukunft verbessern würde, ist von der Realität widerlegt. Die Statistiken zeigen, dass für die berufliche Perspektive junger Menschen im Schnitt eine Facharbeiterlehre hilfreicher ist als ein Studium. Besonders schlecht für den künftigen Berufsweg jungen Menschen sind ausgerechnet jene Studienrichtungen, die vor allem an der Haupt-Uni angeboten werden: also Gesellschafts-, Sozial- und Geisteswissenschaften. Dort finden – von den Lehrern abgesehen – viele Absolventen keinen Job oder zumindest keinen, der einer langen akademischen Ausbildung bedurft hätte.

Das intellektuelle Niveau der Uni-Studenten ist dementsprechend. Es zeigt sich auch regelmäßig an den Äußerungen der offiziellen Hochschülerschaft: Diese ÖH hat jetzt allen Ernstes folgende Begründung von sich gegeben, warum sie nicht an der 650-Jahr-Feiern der Uni teilnimmt: weil es an der Uni erst seit fünf Jahren eine sogenannte Genderprofessur gibt.

Lächerlicher geht nimmer. Denn gerade diese Professuren sind die wohl allerunnnötigste Geldverbrennung an Unis. Sie sind eine der Hauptursache dafür, dass die Behauptung, etwas wäre „wissenschaftlich“, zunehmend nur noch nach Skurrilität klingt.

Eines der Probleme vieler österreichischer Universitäten ist, dass die brillantesten jungen Menschen viel lieber die spannenderen und besser bezahlten Arbeitgeber außerhalb der Universitäten suchen, dass die Universitätskarriere (mit Ausnahme der Medizin) für viele nicht mehr das Nonplusultra ist.

Im Ausland ist das zweifellos anders: Ein guter Freund von mir hat soeben sowohl Angebote von der Google-Forschungszentrale wie auch von Harvard erhalten und dürfte sich – auch wenn die Elite-Universität nicht ganz so gut bezahlt wie Google – für Harvard entscheiden. Denn dort, so ist er überzeugt, arbeitet er künftig wirklich im Magnetfeld der klügsten Köpfe dieser Welt. Der Mann ist übrigens Österreicher, hat aber das Land nach dem Studium verlassen und seither an den besten britischen, französischen und amerikanischen Unis geforscht. Auf meine Frage „Und wieder einmal Österreich?“ hat er nur mild gelächelt. Er weiß, das ja nicht das richtige Geschlecht für die österreichischen Quotenunis hat. Dass er in keinem Netzwerk verankert ist. Dass er noch nie eine relevante Publikation aus Österreich in die Hände bekommen hat.

An den hiesigen Unis sitzen ja vielfach nicht einmal die klügsten Köpfe Österreichs. Und das gilt leider ganz besonders für die älteste und größte.

Um zum Beweis nur eine Disziplin zu nennen, der ich mich nahe fühle: Seit die Herren Streissler und Zechner nicht mehr an der Wiener Uni lehren, gibt es absolut keinen relevanten oder zumindest irgendwie bekannten Ökonomen an der Hauptuni. Alles was interessant ist, was Hand und Fuß hat, kommt von „Eco Austria“, „Agenda Austria“, Economica, dem IHS oder dem Wifo (wenn man bei den letzten beiden einmal großzügig die teilweise Abhängigkeit von der Politik übersieht). Daran, dass die „Österreichische Schule der Nationalökonomie“ der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts – etwa Mises, Hayek, Menger, Böhm-Bawerk – bis heute weltweit als einer der allerwichtigsten ökonomischen und philosophischen Schulen gesehen und verehrt wird, wollen wir nicht einmal denken (deren Exponenten wurden freilich auch damals schon von den etablierten Lehrstuhlbesitzern bekämpft und erst im Ausland berühmt).

Tatsache ist jedenfalls, dass auch ein halbes Dutzend von mir befragte und für sehr gebildet gehaltene Menschen keinen einzigen Ökonomen der Hauptuni nennen konnte. Aber jeder konnte zahllose Schwänke über universitären Gender-Unsinn und Frauenquoten erzählen. Mit diesem Schwerpunkt aber wird die Uni mit Sicherheit keine Wiederauferstehung in den Rankings feiern.

Über den Autor

Der Autor war 14 Jahre Chefredakteur von „Presse“ bzw. „Wiener Zeitung“. Er schreibt unter www.andreas-unterberger.at sein „nicht ganz unpolitisches Tagebuch“, das heute Österreichs meistgelesener Internet-Blog ist.

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