Die Uni als leistungsfreie Sackgasse

Die Uni als leistungsfreie Sackgasse
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Gastkommentar von Andreas Unterberger: Schweizer Studentin auf Gastsemester in Wien: Wenig Wochen nach Beginn ihres Gastspiels an der Wiener Universität zeigt sich die junge Kollegin total schockiert. Sie war von ihrer Schweizer Uni einen viel größeren Leistungsdruck und deutlich höhere Qualität der Lehrveranstaltungen gewohnt.

Dort hat sie beispielsweise in einem Studienjahr nicht weniger als 35 Bücher verpflichtend lesen müssen. Hier bisher gar keines. Am meisten fassungslos machen sie die Französisch-Vorlesungen. Denn die finden auf Deutsch statt! Ihre früheren Kollegen können das gar nicht glauben und halten das für einen Scherz der Wien-Besucherin.

Die Beobachtungen der Schweizerin sind kein Einzelfall. Sie decken sich ja auch voll mit dem fast ständigen Rückfall der heimischen Unis bei vielen internationalen Rankings (sofern sie dort überhaupt noch aufscheinen). Rektoren und Professoren verwenden zwar viel Energie darauf, um jedes einzelne dieser Rankings für wertlos zu erklären. Vielleicht sollten sie jedoch mehr Energie darauf verwenden, den Unterricht anspruchsvoller zu machen.

Viel Energie verwenden die würdigen Damen und Herren Professoren auch dafür auf, ständig vorzurechnen, wie viel besser – etwa – Schweizer Hochschulen finanziell und personell ausgestattet sind. Vor allem wenn man sich die Relation Professoren-Studenten anschaut. Wird schon alles stimmen, auch wenn man weiß, dass praktisch alle diesbezüglichen Studien interessengeleitet sind. Aber: Eine Französisch-Vorlesung auf Französisch zu halten, ist wohl eine Anforderung, die man auch dann erfüllen könnte, wenn man vor mehr Studenten vortragen muss als möglicherweise in anderen Ländern. Man sollte als Professor nur selbst ausreichend Französisch können.

Längst wird das Image der österreichischen Unis durch die Tatsache geprägt, dass sie von deutschen Numerus-Clausus-Flüchtlingen überschwemmt werden. Rund um die Wiener Universität hört man fast nur noch deutschdeutsch. Wobei ja nicht die Nationalität das Problem ist, sondern das Faktum, dass viele nur deswegen hier studieren, weil der Notenschnitt ihres Abiturs zu schlecht war, um in Deutschland den gewünschten Studienplatz zu bekommen. Und weil es in Österreich in vielen Fächern auch keine sonstigen Aufnahmehürden gibt. Dass eine solche Auslese keine Qualitätsverbesserung auslöst, liegt auf der Hand.

Seit langem habe ich keinen ausländischen Studenten mehr getroffen, der wegen eines tollen Professors nach Wien gekommen wäre, den man unbedingt erlebt haben sollte. Wer zweifelt, dass da ein intellektueller Verfall stattgefunden hat, der soll selbst beim nächsten Cocktail- oder Party-Gespräch die Umstehenden fragen, ob ihnen eigentlich ein herausragender Gelehrter mit internationaler Anziehungskraft einfällt, der in Wien lehrt. Man wird nicht viel zu hören bekommen (Und wenn jemand den Namen “Zeilinger” sagt, sollte man ihn darauf hinweisen, dass der Mann schon über 70 ist. Und bei “Penninger”, dass der nur forscht, aber nicht lehrt). Und zugleich sollte man daran denken, wie die gleiche Frage in den Jahrzehnten vor 1938 beantwortet worden wäre, aber auch noch in den Sechziger und Siebziger Jahren.

Weg in die Arbeitslosigkeit

Noch viel beklemmender macht es, wenn man (in der Eurostat-Datenbank) auf die Zahl 13,2 Prozent stößt. So hoch ist nämlich der Anteil jener Unter-35-Jährigen, die in den letzten drei Jahren zwar ein Studium abgeschlossen haben, die aber noch immer keinen Arbeitsplatz haben. Diese Zahl ist signifikant höher als die der offiziell gemessenen Arbeitslosigkeit in Wien. Die ist zwar weit schlechter als in allen anderen Bundesländern, beträgt aber „nur“ 11,6 Prozent.

Dabei sind in diesem Wert auch die vielen älteren Menschen enthalten, die keinen Arbeitsplatz mehr finden. Und die vielen Menschen mit Migrationshintergrund ohne Job. Und jene ohne irgendeine Berufsausbildung.

Aber während über diese drei Problemgruppen in der politischen und öffentlichen Debatte intensiv und viel geredet wird, ist niemandem bewusst, dass in den letzten Jahren auch ein akademisches Proletariat entstanden ist. Das ist besonders frappierend, da doch von vielen Politikern und Universitäts-Professoren noch immer der Irrglaube verbreitet wird, ein Studium wäre die beste Garantie gegen Arbeitslosigkeit.

Das stimmt einfach nicht (mehr). Ganz im Gegenteil. Nur noch ganz bestimmte Studien eröffnen jungen Menschen Chancen in der Berufswelt. Medizin- und Technik-Studien stehen dabei an der Spitze. Während vieler anderer Studien können zwar junge Menschen schöne und bequeme Jahre in der zu einer permanenten Partymeile mutierenden Stadt verbringen. Ihre Lebensperspektiven für die Zeit danach haben sie aber keineswegs verbessert.

Um noch ein weiteres Beispiel anzusprechen: Einem seit seiner Kindheit bekannten Steirer haben die sechs Jahre eines Politikwissenschafts-Studiums in Wien jedenfalls absolut nichts gebracht. Sie haben seinen bäuerlichen Eltern jedoch sehr viel gekostet! Jetzt ist er seit acht Jahren Hausaufseher bei der Reinigungsfirma Attensam. Das hätte er auch einfacher, ohne marxistisch-genderistische Dauer-Indoktrination, haben können.

Auch die Tatsache, dass manche andere Länder eine noch viel höhere Akademikerarbeitslosigkeit haben, ist absolut kein Trost. Sie ist viel eher eine Bestätigung für alle Warnungen. Denn in jener EU-Statistik, die für Österreichs Jungakademiker eine 13-prozentige Arbeitslosigkeit zeigt, liegen Griechenland und Italien weit an der Spitze. Sie leiden unter Jungakademiker-Arbeitslosigkeit von über 50 Prozent.

Aber auch dort haben ja jahrzehntelang „Experten“ Schwurbel-Sätze verbreitet wie: „Ein Studium ist die beste Zukunftsinvestition“; oder: „Wir brauchen Bildung statt Ausbildung“.

Hingegen sollte man in Österreich allen Politikern den Satz des Wiener Pädagogikprofessors Stefan Hopmann in goldenen Lettern ans Hirn schreiben: „Die Fixierung auf die Akademikerquote ist fatal.“ Das Land braucht Fachhochschul-Ingenieure und Facharbeiter und keine Politologen, Psychologen, Komparatisten, Historiker und Publizisten. Um nur die aussichtsärmsten Massenstudien zu nennen.

Über den Autor

Der Autor war 14 Jahre Chefredakteur von „Presse“ bzw. „Wiener Zeitung“. Er schreibt unter www.andreas-unterberger.at sein „nicht ganz unpolitisches Tagebuch“, das heute Österreichs meistgelesener Internet-Blog ist.

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