“Die Schnecke im Laufrad”: Milky Chance gehen ihr eigenes Tempo

Die Jungs von Milky Chance haben ihr ganz spezielles Erfolgsrezept. © Youtube
Vernuschelter Gesang, eine simple Gitarrenmelodie sowie ein knackiger Beat: Diese Mischung ließ das deutsche Popduo Milky Chance vor vier Jahren durch die Decke gehen.

Der Song “Stolen Dance” sowie die dazugehörige Platte “Sadnecessary” brachten Clemens Rehbein und Philipp Dausch sogar Erfolg jenseits des Atlantiks. Und nun legen die Musiker nach: Auf “Blossom” gehen sie wieder ihr eigenes Tempo.

Nur keinen Stress

Wien. Denn trotz unzähliger Konzerte, Fernsehauftritte und Gold- sowie Platin-Auszeichnungen lassen sich Rehbein und Dausch keineswegs stressen. “Wir haben beide generell ein gemütlicheres Tempo. Und in der Welt, in der wir uns jetzt oft bewegen, geht alles ganz schön schnell”, so Sänger Rehbein im APA-Interview. “Das kann auf Dauer sehr anstrengend sein. Man versucht es, wo es geht, zu entschleunigen.” Kollege Dausch fand dafür auch gleich das richtige Bild: “Wie die Schnecke im Laufrad”, schmunzelte er. “Ja, so ist es”, pflichtete ihm Rehbein bei. “Zum Teil sind es auch schrille Eindrücke, mit denen man nicht immer klar kommt. Aber alles in allem ist es natürlich aufregend.”

Wenn man bei großen Festivals in den USA oder Großbritannien auftritt oder in Kanada und Australien die Charts unsicher machen kann, sollte das jedenfalls Auftrieb geben. Der Fokus liege nun aber ohnehin ganz auf dem neuen Material. “Der Blick geht nach vorne”, so Rehbein. Groß verändern musste das Duo seine Arbeitsweise für die 14 neuen Stücke, die auf “Blossom” zwischen bekannten Rezepten und einigen feinen Neuheiten ihren Charme versprühen, jedenfalls nicht. “Es war ein einfaches Herantasten”, resümierte Dausch. “Uns ist es etwas sehr Vertrautes, zusammen Musik zu machen.”

“Elektronisch gedacht, organisch gemacht”

Neu war in gewisser Weise der Umfang – sowohl des Sounds als auch der Möglichkeiten. “Wir hatten da eine gewisse Vision, wie wir aufnehmen wollten und wie der Sound sein sollte”, so Rehbein. “Elektronisch gedacht, aber organisch gemacht. Also echt eingespielt. Das ist ja auch die Richtung, aus der wir eigentlich kommen.” Wo man beim Debüt Kompromisse eingehen musste und später die Kombination aus Elektronik und Gitarre auf die Bühne hievte, sei nun mehr machbar. “Dadurch kommt schon auch eine andere Klangfarbe rein”, verwies Dausch etwa auf den programmatisch betitelten “Piano Song”. Schon zuletzt habe man live mit deutlich mehr Instrumentarium gespielt, als es anfangs der Fall war.

Dabei sei die Arbeit an den Stücken recht unterschiedlich gewesen: Manche gingen schnell und leicht von der Hand, bei anderen gibt es wiederum einige Versionen. “Aber es hat sich schon herauskristallisiert, bei welchen Songs man mit dem besten Gefühl weiterkommt”, betonte Rehbein. “Vielleicht hätte es bei anderen Liedern noch länger gedauert.” Und Dausch ergänzte: “Als Künstler würdest du sowieso immer gerne weitermachen, aber irgendwann muss Schluss sein. Sonst wird das Album ja nie fertig.” Dabei kann es auch mal passieren, dass man einen Song “erstmal in den Kühlschrank stellt und später daran weiterbastelt”.

Die Mundharmonika macht den Ton

Das Verständnis zwischen den Musikern sei über die Zeit weiter gewachsen. “Das hat viel mit den Ohren zu tun, damit, wie man Sachen hört”, unterstrich Dausch. “Und ein Beweis sind auch die Lieder, die im Jam entstanden sind”, so Rehbein. “Das ging in ein paar Minuten. Beim ersten Album hatten wir diese Möglichkeiten nicht, jetzt hat es geklappt.” Unterstützt wurde das Duo dabei auch von ihrem Kompagnon Antonio Greger, der erneut bei einigen Stücken Mundharmonika beisteuerte, und natürlich Produzent Tobias Kuhn.

Was die Texte betrifft, so sieht Rehbein auch hier Kontinuität. “Es ist nach wie vor oft ein sehr intuitiver Ausdruck von Gefühlen – mal verkopfter, mal weniger. Die Themen sind eigentlich dieselben. Da geht es viel um Verarbeitung der letzten Jahre. Einfach das, was wir als Musiker erlebt haben, aber natürlich auch Persönliches.” Ihm selbst falle es mittlerweile leichter, sich dem Publikum gegenüber zu öffnen. “Da sind die Texte teilweise schon leichter zu verstehen. Bei den Konzerten präsentierst du deine soziale Welt vor diesen Leuten. Dadurch bekommt man auch mehr Sicherheit.”

Keine zu hohe Messlatte setzten

Hierzulande wird man etwa beim Out Of The Woods Festival im burgenländischen Wiesen (20. bis 22. Juli) Gelegenheit haben, sich davon zu überzeugen. Ohnehin heißt es für Dausch und Rehbein nun: spielen, spielen, spielen. Die Erwartungen an die kommenden Monate schraubt man bewusst runter. “Den Vergleich mit ‘Sadnecessary’ stellen wir nicht auf”, so Dausch. “Es hatte seine Besonderheit, die sollte man aber nicht als Messlatte für Zukünftiges setzen. Da kann man nur auf die Schnauze fliegen. Für uns haben sich viele Türen geöffnet. Mal schauen, was dahinter wartet.”

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