Die Kunst des Unfugs: Helge Schneider in der Staatsoper Wien

Helge Schneider war in der Wiener Staatsoper
Helge Schneider war in der Wiener Staatsoper - © APA
Am Sonntag startete das Jazz Fest Wien in die Staatsopernwoche und brachte dabei das 61-jährige Multitalent Helge Schneider auf die große Bühne.

Schneider, mittlerweile 61-jähriger Musiker, Komiker, Kunstfigur und Improvisationsvirtuose, servierte mit seinen beiden kongenialen Partnern Peter und Rudi ein delikates Set zwischen Jazzparodie, Jazzpurismus und Fitzefatze.

Jazz Fest Wien bringt Helge Schneider in die Staatsoper

Helge Schneider ist Saxofonist, Pianist, Gitarrist, Trompeter, Sänger, Beatboxer, Conferencier, Dadaist, Lautpoet – Entertainer einer Gattung, deren Gründer und einziger Vertreter er ist. In jeder dieser Funktionen, ob das Instrument Klavier heißt oder Witz, Saxofon oder Körpersprache, ist er aber vor allem Jazzer, balanciert intuitives Können und spontanen Geistesblitz quer durch die musikalischen und sprachlichen Konventionen, die er dabei nicht nur mit brachialer Direktheit aufs Korn nimmt, sondern auch auf ihr Wesentliches reduziert.

Mit österreichischer Kombo “The Max Boogaloos”

Besonders schön, wenn auch unfreiwillig, sichtbar wurde das durch die Kombination mit der österreichischen Kombo “The Max Boogaloos”, die den ersten Teil des Abends zu bestreiten hatten. Die handwerklich hervorragende, insgesamt aber recht konventionelle Darbietung huldigte der oftmals als Selbstzweck erscheinenden Pose der expressiven Solo-Improvisation ausgiebig – eine Pose, die Helge Schneider schon nach wenigen Minuten auf der Bühne als solche enttarnt und Lügen straft. Die höhenverstellbare Klavierbank dient ihm zu einem Parforceritt durch die verschiedenen Haltungstypen der Pianisten, die expressive Körpersprache vieler Trompeterkollegen führt bei ihm beinahe in den Kopfstand und die in eingespielten Kombos gern diskret gehaltenen Signale zum Zusammenspiel wachsen sich bei ihm zu einer absurd komplexen Zeichensprache aus. Nur um dann – statt dem Eifer um das möglichst synchrone Ende – laut “Erster!” zu rufen.

Kunst des Unfugs als konsequentes Understatement

Die Kunst dieses Unfugs ist freilich konsequentes Understatement, aber sie schließt die Lücke zwischen den Songs – vom kritisch-dadaistischen “Ich bin zu Haus und drück die Maus” über den Digitalkonsum von Jugendlichen bis zu Americana und schmerzlich “verjazzten” Soul-Balladen – ebenso leichtfüßig wie die nicht enden wollenden Witze über den wahrscheinlich bald bevorstehenden Tod von Bassist Rudi Contra (“Das ist wahrscheinlich seine letzte Tournee”), den gemeinsamen Alkoholkonsum oder irrwitzige Erklärungen zu leeren Plätzen im Publikum – kurz gefasst: die Kartenbesitzer sind tot.

Mit seinen 61 Jahren ist der Bühnenroutinier Schneider allerdings auch nüchterner geworden, im Vergleich zu früheren Auftritten ist sein Publikumskontakt smooth, zwischen den Schmähs mit dem Körper, mit der Musik, mit der Sprache, eleganter ausbalanciert, weniger verstiegen in seine Jazzeskapaden. Für manche Fans ist das vielleicht schade – für das breite Jazz-Fest-Publikum aber sicher eine Wohltat. Heute folgen Thomas Quasthoff und Max Mutzke, am Dienstag übernimmt dann Herbie Hancock die Staatsopernbühne. Bleibt nur – mit Helge – zu sagen: “Merry Christmas”.

(APA/Red.)

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