Die Blumen von gestern – Trailer und Kritik zum Film

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Die Blumen von gestern – Trailer und Kritik zum Film
Nach “Der Untergang”, “Er ist wieder da”, etc. “endlich wieder ein Film über den Nationalsozialismus”, heißt es im Trailer von Chris Kraus’ neuem Film “Die Blumen von gestern” kokett. Die deutsch-österreichische Koproduktion ist freilich mehr als das, nähert sie sich der so gern gemiedenen Geschichtsaufarbeitung doch gelungen mit den Mitteln der romantischen Komödie.

Totila “Toto” Blumen (Lars Eidinger) hat einen Job, den man nur schwer vor der eigenen Wohnungstür abstreifen kann: Er ist Holocaustforscher. Tag für Tag beschäftigt er sich in der Zentralen Stelle Ludwigsburg mit der systematischen Vernichtung von sechs Millionen Menschen. Das, aber auch die eigene Familiengeschichte, hat ihn augenscheinlich außerordentlich humorlos, menschenfeindlich und unglücklich werden lassen.

Die Blumen von gestern – Die Handlung

Dieser Tage bleibt ihm aber auch nichts erspart. Der Auschwitz-Kongress, das gemeinsame Herzensprojekt von Toto und seinem soeben verstorbenen Mentor, droht zu einem werbefinanzierten Medienspektakel zu werden oder gar ganz zu scheitern. Um das abzuwenden, wird ihm ausgerechnet die junge, nervige französische Studentin Zazie (Adele Haenel) zur Seite gestellt. Es dauert nicht lange, bis der verklemmte Toto und die exaltierte Praktikantin, die noch dazu ein Verhältnis mit Totos verhasstem Chef (Jan Josef Liefers) hat, aneinandergeraten: Nein, im Firmenauto fährt sie nicht mit, ist doch ihre Omi in einem Wagen dieser Marke in den Tod gefahren worden.

Was Toto da noch nicht weiß: Zazie hat die Praktikumsstelle nicht zufällig gewählt. Es war nämlich sein Großvater, der einst verantwortlich für die Deportation ihrer Großmutter und deren jüdischer Klassenkollegen war. Auf der gemeinsamen Reise, erst nach Prag und dann nach Wien, kommen sich die jeweils Vorbelasteten – sie, die “Opferenkelin” und er, der “Täterenkel” – näher.

Die Blumen von gestern – Die Kritik

Chris Kraus (“Vier Minuten”, “Poll”) siedelt diese so unmögliche wie wahrhaftige Liebesgeschichte in einem Setting an, das man gemeinhin nicht mit Humor und Romantik verbindet. Auslöser waren seine Nachforschungen der NS-Vergangenheit der eigenen Familie – mit der “Hoffnung auf Heilung von Wunden, die die Geschichte uns geschlagen hat und die weiterschwären in den Biografien der Nachkommen”, sagt er. Er erzählt vom Umgang mit der NS-Vergangenheit entfesselt von Tabus, mit rasanten Dialogen, Situationskomik und zwei so ungleichen wie traurigen Menschen im Zentrum; bricht berührende Momente mit lustigen (und umgekehrt) und legt nach und nach die Verbindung zwischen den Figuren offen. Gerade deshalb geht das dann auch so nahe, berührt, unterhält und befreit, und zwingt den Zuseher, sich mit den aufgeworfenen Fragen auseinanderzusetzen: jener der kollektiven, aber auch der individuellen Schuld der eigenen Vorfahren.

Als Toto und Zazie stehen sich mit der deutschen Theater- und Filmgröße Lars Eidinger (“Alle Anderen”) und dem französischen Shootingstar Adele Haenel (“Das unbekannte Mädchen”), die extra für den Film Deutsch gelernt hat, zwei Ausnahmeschauspieler gegenüber, deren Spiel- und Kampflust sich auf die Leinwand übertragt. Sie sind es, die die aberwitzige Liebesgeschichte und die schwer gestörten Charaktere auf den Boden der Realität holen, Kränkung und Hilflosigkeit hinter der aggressiven (Toto) respektive impulsiven (Zazie) Schale freilegen. Man könnte ihnen noch lange so zusehen, wie sie sich furiosen Schlagabtausch liefern und schmerzhaft herausfordern, dabei immer wieder für Überraschungen und kultverdächtige Szenen sorgen. Und wie sie sich, in der vielleicht romantischsten Liebesszene in einem Wiener Kaffeehaus aller Zeiten, zärtlich annähern. “Ich liebe deine Geschichte, weil es meine Geschichte ist”, sagt Zazie da, und der Zuseher verliebt sich ein bisschen in sie mit.

An ihre Seite stellt Kraus eine Riege an starken Nebendarstellern – neben Liefers in wahrlich genüsslichen Screwball-Szenen auch Hannah Herzsprung als Totos distanzierte Ehefrau sowie die kürzlich verstorbene Burgschauspielerin Sigrid Marquardt als berühmte, trotzige Zeitzeugin Rubinstein.

>> Alle Filmstartzeiten zu “Die Blumen von gestern”

(APA)

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