Der Verfall auf Wienerisch

Der Verfall auf Wienerisch
© Andreas Unterberger
Gastkommentar von Andreas Unterberger: In den Nachkriegsjahren haben viele Wiener Gebäude so ausgesehen. Jahrzehntelang ist nichts renoviert worden. Der Verputz bröckelt. Die Schäden und Baufälligkeit sind weithin sichtbar. Der Verfall und Mief scheint noch direkt aus der Kaiserzeit zu kommen.

Auch Osteuropareisende können dort noch heute solche Häuser sehen, wenngleich deren Zahl seit Ende des real existierenden Sozialismus rapid zurückgeht.Aber das Photo kommt nicht aus der Ruinenzeit, sondern aus dem Jahr 2016. Und es stammt nicht aus der Ukraine, sondern aus Wien. Es zeigt auch nicht etwa eine Zinskaserne, an der seit Ewigkeiten keinerlei Renovierung und Sanierung vorgenommen werden, weil Hauseigentümer und Mieter desinteressiert oder geizig sind, weil mit dem Abriss spekuliert wird. Man sieht vielmehr die Bezirksvorstehung des 18. Wiener Bezirkes, die sich seit vielen Jahren so präsentiert.

Bezirksvorstehungen sind die Ämter, in denen die Bürger am öftesten mit der bürokratischen Obrigkeit konfrontiert sind. Daher hat wohl schon fast jeder Bezirksbewohner diesen Anblick zu Gesicht bekommen. Was wohl noch schlimmer ist: In einem solchen Gebäude finden auch standesamtliche Trauungen statt. Man kann sich ungefähr vorstellen, welchen Eindruck es macht, wenn ausländische Gäste zu einer Hochzeit in eine solche Verfallsbude geladen werden. Aber natürlich ist das auch für Österreicher absolut unzumutbar und eine Schande.

Der Zustand in Währing ist gar kein Einzelfall. Etwa im 19. Bezirk ist die Bezirksvertretung in einem ähnlichen Zustand, dort ist das weniger von außen sichtbar, aber vor allem dann, wenn man das Amtshaus betritt. Es ist auch in Döbling das verfallenste Gebäude des ganzen Bezirks. Ähnlich schauen manche Stationen der ehemaligen Stadtbahn und heutigen U6 oder Teile von Gemeindespitälern aus.

Nun werden manche Stadtpropagandisten gleich sagen: Ja, die Stadt hat halt kein Geld, sie muss sparen. U-Bahn-Bau, Spitäler, Volksschulen, Kindergärten sind doch notwendiger und wichtiger.

Aber gewiss doch, kann man da nur antworten. Auch wenn es schon mehr als interessant ist, dass Ordens-Krankenhäuser jede Behandlung, jede Operation deutlich billiger (und keineswegs schlechter) durchführen als die Gemeindespitäler. Auch wenn es sehr diskutabel ist, dass jene Kindergärten mit Steuergeld gefördert werden, in denen mit den Kindern nicht deutsch gesprochen wird, in denen eine radikale Weltanschauung vermittelt wird, die der österreichischen Verfassung in wichtigen Elementen widerspricht.

Dennoch sind in Summe die erwähnten Bereiche sicher nicht jene, wo generell gespart werden sollte. Das ist jedoch sehr wohl bei vielen anderen Ausgaben möglich, welche die Rathauspropaganda nicht erwähnt. Die Gemeinde Wien ist sogar mit Sicherheit jene öffentlich-rechtliche Körperschaft in Österreich, die weitaus das meiste Geld verschwendet. Um nur einige Exempel aufzuzählen, wie das läuft, und wo eine korrekte Stadtverwaltung kräftig einschneiden müsste (nicht nur kosmetische zehn Prozent oder so ähnlich):

  1. Die Wiener Beamten haben die weitaus großzügigsten Gehälter und Pensionsregelungen von ganz Österreich (die Michael Häupl frech damit verteidigt, dass es niemandem etwas anginge, was „wir mit unserem Geld machen“. Das halt nur zufällig nicht sein Geld, sondern Steuergeld ist).
  2. Wien gibt ein Vielfaches von anderen, einwohnermäßig gleichgroßen Bundesländern für Bestechungsinserate und den rathauseigenen Propagandaapparat aus.
  3. Die großzügigen Wiener Beamten haben 60 Prozent aller österreichischen Fälle von Mindestsicherung zuerkannt, obwohl Wien nur 20 Prozent der Einwohner hat (Auch wenn dieser – natürlich: mutmaßliche – Missbrauch scheinbar „nur“ zu Lasten des Bundesbudgets geht, wird durch diese Großzügigkeit jedenfalls ein Sog zum Zuzug nichtarbeitender Menschen und sonstiger Problemfällen nach Wien ausgelöst, der dann viele andere Sozialausgaben auch für die Stadt auslöst).
  4. Wien gibt Unsummen für „Brot und Spiele“ aus. Vom Donauinselfest bis zur alljährlichen Verwandlung des ganzen Rathausparks in einen Eislaufplatz bis zu den singenden Kanaldeckeln. Um nur einige zu nennen.
  5. Wien hat gerade die Parteisubventionen kräftig erhöht (wo sind die Zeiten, da solches mit den Grünen nie und nimmer möglich gewesen wäre!).
  6. Wien baut parteipolitisch kontrollierten Fußballklubs üppige Privat-Stadien, obwohl diese Vereine in Wahrheit millionenschwere Profi-Unternehmen sind.
  7. Wien verteilt weit mehr Subventionen als andere Bundesländer an oft sehr dubiose Organisationen und Vereinchen. Dabei ist offenbar vor allem wichtig, dass diese Rot oder Grün sehr nahestehen, dass diese scheinunabhängige Propagandaarbeit für die beiden Wiener Machtparteien machen, oder dass sie regelmäßig Randale gegen christliche Umzüge veranstalten. (Warum etwa braucht „Hosi“, eine Lobby der bestverdienenden Menschen Österreichs, eine Gemeindesubvention?)

Noch provozierender als all diese Geldverschwendungen ist das, was mir dieser Tage ein dem Rathaus sehr naher Mensch in Bezug auf den beklagenswerten Zustand der Bezirksvertretungen geantwortet hat: „Na, in Währing wird sicher bald was geschehen. Denn dort haben ja jetzt die Grünen den Bezirksvorsteher, da wird das Rathaus bald das nötige Geld flüssig machen.“

Gewiss, es gibt keinen harten Beweis für diesen Zusammenhang. Aber allein, dass ein machtnaher Mensch so etwas auch nur denken kann, zeigt wie verkommen und korrupt diese Stadt geworden ist. Es wäre schlicht ungeheuerlich – und auch in mehrfacher Hinsicht rechtswidrig –, wenn eine Verwaltung nur dann den Mindeststandard an Bürgersevice zu bieten bereit ist, wenn die Menschen „richtig“ wählen.

PS: Auch ein zweiter Satz, den man zum Zustand der Bezirksvertretungen hört, wäre empörend, sollte er stimmen: „Es ist doch seit Jahrzehnten so, dass Baufirmen so schlampig arbeiten, wenn sie für die Gemeinde arbeiten. Daher schauen die Häuser nach ein paar Jahren gleich wieder wie Ruinen aus.“ Logisch wäre das jedenfalls: Denn in diesen Fällen gibt es zum Unterschied von jedem privaten Bau keinen Eigentümer, der ständig die Qualität prüft. Außerdem gibt es bei privaten Bauherrn keine Beamten und Parteien, die Baufirmen bestechen müssten.

Der Autor war 14 Jahre Chefredakteur von „Presse“ bzw. „Wiener Zeitung“. Er schreibt unter www.andreas-unterberger.at sein „nicht ganz unpolitisches Tagebuch“, das heute Österreichs meistgelesener Internet-Blog ist.

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