“Der Trafikant” wird mit Bruno Ganz verfilmt

Ganz als "einsamer Kämpfer" Freud
Ganz als "einsamer Kämpfer" Freud - © APA
In diesen Tagen befindet sich die Berggasse nicht im neunten, sondern im dritten Wiener Gemeindebezirk hinter dem Heumarkt. Für die Verfilmung des Romans “Der Trafikant” von Robert Seethaler wurde ein Gassenzug in die späten 1930er zurückversetzt, inklusive Oldtimern und Litfaßsäule mit alten Plakaten. Regisseur Nikolaus Leytner hat einen echten Star zur Verfügung: Bruno Ganz spielt Sigmund Freud.

In dem 2012 erschienenen (und auch bereits fürs Theater adaptierten) Bestseller trifft der 17-jährige Franz, der sein Heimatdorf verlässt, um in Wien bei einem Trafikanten in die Lehre zu gehen, auf den berühmten, doch bereits hoch betagten Begründer der Psychoanalyse. Vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Machtergreifung entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft. Der junge Produzent Jakob Pochlatko hatte das Buch ebenso unmittelbar nach seinem Erscheinen gelesen wie Regisseur Nikolaus Leytner. Die Epo Film konnte sich kurz entschlossen die Rechte sichern und war damit schneller als so mancher deutsche Großproduzent.

4,6 Mio. Euro beträgt das international finanzierte Budget des Films, für den noch bis 20. November in Wien, Wien-Umgebung, Oberösterreich, Südtirol und München gedreht wird und der im Herbst 2018 in die Kinos kommen soll. Dass er im Gedenkjahr in die Kinos kommen dürfte, sei “purer Zufall”, beteuerte Pochlatko am Freitagabend bei einem Settermin: “Es hat so lange gedauert, bis das Projekt auf Schiene war.” Für das Drehbuch engagierte man den “Comedian Harmonists”-Drehbuchautor Klaus Richter. “Robert Seethaler hat uns freie Hand gelassen”, versicherte Leytner, der als Co-Autor fungiert.

Und wie legt Bruno Ganz, der schon Adolf Hitler gespielt und auch in Terrence Malicks “Radegund”, einem 2018 in die Kinos kommenden Film über den österreichischen Wehrdienstverweigerer Franz Jägerstätter, mitgewirkt hat, seine Sigmund Freud-Interpretation an? “Man bemüht sich nach Kräften – obwohl ich mich im Vorfeld nicht so gekümmert habe, wie es angemessen wäre”, stapelte der Schweizer Star, dem die runde Freud-Brille bestens stand, tief. Und doch habe er in manchen Büchern des Seelenarztes, den Herbert Marcuse neben Marx und Nietzsche zu den bedeutendsten Denkern gerechnet habe, geschmökert – “vor allem in der ‘Traumdeutung'”.

Ihm imponiere “der einsame Kämpfer” Freud, der seine Erforschung der menschlichen Psyche gegen alle Widerstände unbeirrt vorangetrieben habe. Auf dem Set beschäftigten ihn allerdings vorwiegend Fragen des Handwerks, meinte Ganz. Freud habe bedingt durch sein Krebsleiden immer starke Probleme beim Sprechen gehabt, das belege etwa auch eine erhaltene Tonaufnahme. “Um diese Dinge kümmere ich mich als Schauspieler.” Für ihn habe die sich entwickelnde Freundschaft zu Franz (gespielt vom 21-jährigen Simon Morzé, der sein Debüt 2006 in Leytners TV-Film “Die Entscheidung” gab) “eine märchenhafte Anmutung”, die er aber akzeptiere, um sich auf “diese schöne, erfundene Geschichte” einzulassen.

“Warum soll Freud nicht einem jungen Trafikantenlehrling begegnet sein?”, hielt Leytner dagegen. “Er war ein starker Zigarrenraucher und war viel unterwegs – etwa bei Antiquitätenhändlern. Er ist durchaus unter die Leute gekommen!” Doch es gehe weniger um die Glaubwürdigkeit der Geschichte als um ihre Erzählweise. “Mein Ansatz ist es, diese Geschichte aus der Perspektive des Franz zu erzählen.” Daher nehme der in eine unglückliche erste Verliebtheit verstrickte junge Protagonist die gefährlichen politischen Umwälzungen erst wahr, wenn sie – etwa durch den Selbstmord eines kommunistischen Bekannten oder durch die Verhaftung des Trafikanten durch die Gestapo – in seiner unmittelbaren persönlichen Umgebung Auswirkungen habe. “Ich hoffe, dass sich dieser subjektive Blick im Film vermitteln lässt.”

An den 34 veranschlagten Drehtagen stehen neben Bruno Ganz und Simon Morzé u.a. auch Johannes Krisch, Emma Drogunova, Regina Fritsch, Karoline Eichhorn (als Anna Freud) und Gerti Drassl vor der Kamera von Hermann Dunzendorfer. Autor Robert Seethaler, selbst ausgebildeter Schauspieler, wird einen Cameoauftritt absolvieren.

(APA)

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