Der Staatsschutz in der Staatsoper

Der Staatsschutz in der Staatsoper
© APA/HERBERT NEUBAUER
Gastkommentar von Andreas Unterberger: Der Skandal um den von der SPÖ für die künftige Führung der Staatsoper nominierten Bogdan Roščić ist ein dreifacher. Freilich wird in der Öffentlichkeit nur eines der drei Skandalelemente erwähnt.

Und der für diese Nominierung hauptverantwortliche Minister Drozda will sogar kein einziges sehen; er bezeichnet den Skandal einfach als „Was-wäre-wenn-Frage“.Der einzige in den letzten Tagen öffentlich diskutierte Aspekt ist das Bekanntwerden der Tatsache, dass Roščić fünf Seiten seiner einstigen Dissertation wortwörtlich und ohne Quellenangaben abgeschrieben hat. Solche Plagiate sind in den letzten Jahren zwei deutschen Bundesministern zum Verhängnis geworden und haben zum unfreiwilligen Ende ihrer Ministerkarriere geführt.

Dass Minister Drozda hingegen dennoch keinen Rücktrittsgrund bei Roščić sehen will, bedeutet offensichtlich, dass Österreich regierungsoffiziell zu einer solchen Balkanrepublik erklärt wird, in der nicht die gleich hohen Anstandsregeln gelten wie etwa in Deutschland. Oder heißt sein Verhalten gar, dass diese Anstandsregeln nur für rechte Politiker zu gelten haben (beide deutsche Ex-Minister stammten von den Unionsparteien), aber nicht für Linke wie den Herrn Roščić? Sind für Linke Anstand und Korrektheit nicht relevant? Oder sind sie als A-priori-Gutmenschen darüber erhaben, Konsequenzen ziehen zu müssen?

Die zweite Skandalebene ist die Tatsache, dass Roščić noch keinen einzigen Tag seines Berufslebens in einer Theateradministration mitgearbeitet, geschweige denn ein Theater oder eine Oper oder ein Konzerthaus geleitet hat. Und jetzt soll der gebürtige Serbe und einstige Ö3-Chef die wichtigste Bühne Österreichs leiten, die nach dem steilen – auch von Drozda durch seine dortige Tätigkeit mitverschuldeten – Abstieg des Burgtheaters die einzige Bühne ist, die noch Weltrang hat. Die zusammen mit dem privaten (und dementsprechend von der SPÖ mies behandelten) Musikverein die letzte Stätte in dieser Stadt ist, die noch Wiens Stellung als Welthauptstadt der Musik zu rechtfertigen imstande ist.

Meint die SPÖ ernsthaft, dass man eine solche Bühne ohne jede Erfahrung leiten kann? Oder glaubt sie gar, dass alleine die linksideologische Prägung für eine solche Aufgabe schon reichen würde? Begreift sie nicht, wie wichtig die Staatsoper für Wien ist, auch als Wirtschaftsfaktor? Oder will sie sogar die heute noch blühende, fast tagtäglich zu hohen Preisen ausverkaufte Oper aus ideologischen Motiven ganz bewusst demolieren, weil die Wiener Oper ja mit ihrer hohen Qualität die Verkörperung des verhassten bürgerlichen Kulturbegriffs ist? Oder inszeniert man hier schon ein angebliches Opfer einer künftigen Regierung, in der die SPÖ wahrscheinlich nicht mehr vertreten sein wird?

All diese Fragen werden nun durch die dritte Skandalebene noch dramatisch zugespitzt, die am Rande der Plagiats-Affäre bekanntgeworden ist. Denn noch viel schlimmer als die Tatsache, dass Roščić abgeschrieben hat, ist, bei wem er abgeschrieben hat. Das ist nämlich Peter Decker, der heutige Chefredakteur der linksradikalen deutschen Zeitschrift „Gegen-Standpunkt“, der auch schon damals zusammen mit Roščić bei dieser neomarxistischen 68er Bewegung mitgemacht hat, die seither auch schon in vielen Städten Veranstaltungen abgehalten hat.

Nun ist das aber keine normale demokratische linke Gruppierung, sondern eine „konspirativ tätige, sektenartige Organisation“, die sowohl vom Verfassungsschutz in Bremen wie auch von dem in Bayern wie auch von dem auf bundesdeutscher Ebene mit solchen Beschreibungen ins Visier genommen worden ist. Dabei sei daran erinnert, dass Bremen immer sozialdemokratisch regiert worden ist, dass es also offensichtlich keineswegs nur um eine bösartige Denunziation etwa der konservativen Bayern geht.

Laut Bericht des bundesdeutschen Verfassungsschutzes ist das Fernziel der Gruppe sogar „die revolutionäre Überwindung der bestehenden, pauschal als ,Kapitalismus‘ verunglimpften verfassungsmäßigen Ordnung, allerdings ist dies nach eigener Einschätzung gegenwärtig nicht zu verwirklichen.“

Um nicht missverstanden zu werden: Selbstverständlich halte ich es für möglich, dass man sich von studentischen Jugendsünden emanzipiert. Ich kenne exzellente Journalisten, die vom einstigen Maoisten zum vehementen Befürworter von Freiheit, Rechtsstaat und Marktwirtschaft geworden sind. Nur darf sich schon erwarten, dass man diese Abkehr von einem solchen Radikalismus laut und öffentlich verkündet. Von Herrn Roščić war so etwas jedoch nie zu vernehmen. Ganz im Gegenteil: Er rühmt Decker auch jetzt noch in Interviews. Die Vermutung ist stark, dass der Mann sogar genau wegen dieses Linksradikalismus von Drozda ausgewählt worden ist. Der gemeinsame Marsch der 68er durch die zu zerstörenden Institutionen ist ganz offensichtlich ja noch keineswegs zu Ende.

Wenn man imstande ist, dass alles humorvoll zu nehmen, dann wird man sich auf eine erhöhte Besucherfrequenz in der Oper wenigstens durch den deutschen Staatsschutz freuen können (vom österreichischen ist ja nicht viel zu halten).

Wenn man freilich dazu nicht imstande ist und wenn einem eine der letzten wertvollen Institutionen dieses Landes noch etwas wert ist, dann muss man ganz dringend eine Revision der katastrophalen Entscheidung der SPÖ verlangen.

Übrigens: Sollte sie keinen guten und fähigen Operndirektor finden, dann könnte die Drozda/Kern-Partei schon auch zur Kenntnis nehmen, dass der gegenwärtige Operndirektor Dominique Meyer seine Sache künstlerisch wie kaufmännisch exzellent macht. Und dass er eigentlich durchaus zu einer Vertragsverlängerung bereit (gewesen?) wäre. Aber dass er statt dessen von Drozda schnöde behandelt worden ist.

Der Autor war 14 Jahre Chefredakteur von „Presse“ bzw. „Wiener Zeitung“. Er schreibt unter www.andreas-unterberger.at sein „nicht ganz unpolitisches Tagebuch“, das heute Österreichs meistgelesener Internet-Blog ist.

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