Der Krieg ist zu uns gekommen

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Trauer nach dem Flüchtlingsdrama auf der A4.
Trauer nach dem Flüchtlingsdrama auf der A4. - © APA
Gastkommentar von Johannes Huber: Kriege kennen wir normalerweise nur vom Hörensagen. Erlebt haben sie allenfalls unsere Großeltern. Sie sind also weit weg. So wie in den 90er Jahren im ehemaligen Jugoslawien oder nun eben im Nahen Osten. Damals wie heute werden wir jedoch ein Stück weit hineingezogen.

Ob wir es wollen oder nicht: Hunderttausende versuchen, ihr Leben zu retten, indem sie fliehen und dabei abermals ihr Leben riskieren. Allein schon, dass sie das tun, unterstreicht die Not, in der sie sich befinden müssen. Und macht all jene Aussagen so erbärmlich, die unterstellen, sie würden aus Jux und Tollerei oder bloßer Hoffnung auf etwas Wohlstand inkl. Smartphone, flottem Auto und einer Luxuswohnung zu uns kommen. Nein, sie versuchen, dem Tod von der Schaufel zu springen.Umso größer das Drama, das sich nun auf der Ostautobahn ereignet hat: Dutzende Menschen sind in einem Lastwagen elendiglich zugrunde gegangen. Damit sollte auch dem letzten Wahlkämpfer bewusst geworden sein, dass „Asyl“ ein denkbar ungeeignetes Mobilisierungsthema ist. Längst lautet die Frage nicht mehr: „Sollen wir diese Männer, Frauen und Kinder zu uns lassen?“ Sondern: „Wie können wir ihnen helfen?“ Dazu gibt es keine Alternative mehr.

Die Grenzen dicht zu machen, die Augen zu verschließen, gescheit zu reden und sich abzuschotten, würde das Problem nur verschärfen: Wenn es nicht auf legalem Weg möglich ist, nach Europa zu kommen, dann werden viele keine andere Wahl mehr sehen, als es illegal, mit Hilfe eines Schleppers oder sonst irgendwie, zu versuchen. Sprich: Viele weitere Dramen, wie jenes von Parndorf, würden drohen.

Was unter diesen Umständen notwendig ist, ist Vernunft und Augenmaß: Den Krieg im Nahen Osten werden österreichische Politiker auf die Schnelle nicht beenden können. Die Flüchtlingsströme werden sie daher genauso wenig zum Versiegen bringen. Also werden sie sich diesem Problem in absehbarer Zeit ganz einfach stellen müssen.

Das bedeutet, dass auch in Wien Schluss sein muss mit der Hetze und dem Versuch, so zu tun, als gehe es bei der ganzen Sache in erster Linie um „Asylmissbrauch“, der bekämpft werden könnte: Im Juni kamen bereits 76 Prozent der Flüchtlinge aus einem Bürgerkriegsland hierher, davon die meisten aus Syrien, Afghanistan oder dem Irak, also Ländern, in denen die islamistische IS wütet. Allein die Fernsehbilder von Hinrichtungen in diesen Gegenden sollten genügen, um die Notwendigkeit zu erkennen, diese Flüchtlinge nach einer zügigen Überprüfung über die Grenze zu lassen und ihnen zu helfen.

In dieser Notsituation hat es keinen Sinn, zu lamentieren, dass die Amerikaner verantwortlich für die Entwicklungen im Nahen Osten seien. Oder dass andere Länder mehr Flüchtlinge aufnehmen sollten. Hier geht es um das Retten von Menschenleben. Das muss eine Selbstverständlichkeit sein. Zumal alles andere bedeuten würde, Unzählige dem Tod zu überlassen.

Johannes Huber betreibt den Blog johanneshuber.me zur österreichischen Politik.

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