Das heißeste Jazzkonzert des Jahres mit Kamasi Washington

Kamasi Washington trat am Dienstag in der Ottakringer Brauerei auf.
Kamasi Washington trat am Dienstag in der Ottakringer Brauerei auf. - © APA (Sujet)
Kamasi Washington legte bei seinem gestrigen Wien-Besuch gleich in doppelter Hinsicht das heißeste Jazzkonzert des Jahres hin: Einmal mehr bestätigte sich der Ruf der Ottakringer Brauerei als hochsommerlicher Glutofen, in der der US-Saxofonist den hohen Erwartungen gerecht werden konnte. Druckvoll, intensiv und überzeugend gelang der verspätete Nachschlag des Jazz Fest Wien.

Was insofern kein wirkliches Wunder war, als Washington im Vorjahr mit dem Dreifach-Album “The Epic” gehörigen Staub aufgewirbelt hat: Schon seit Jahren für verschiedene Kollegen aus Jazz und Hip-Hop tätig und selbst als Bandleader ebenfalls ziemlich umtriebig unterwegs, war es dieses 172 Minuten lange Debüt, das seinen Stern endgültig aufgehen ließ. Die Kritiker überschlugen sich mit Lobeshymnen, viele glaubten den Retter eines zusehends verstaubten Jazz-Mainstream vor sich zu haben. Unabhängig davon, ob man diesem Hype nun anheimfiel oder doch mit eher kritischem Blick das Schaffen des heute 35-Jährigen beobachtete – man kam kaum an ihm vorbei.

Jazz Fest Wien: Hochsommerlicher Nachschlag mit Kamasi Washington

“Man macht Musik aus zwei Gründen”, umriss der auch optisch eindrucksvolle Saxofonist vor seinem Wien-Gig im APA-Gespräch. “Einerseits stimmt es euphorisch, sie zu machen. Du hörst diese Klänge in deinem Kopf und willst sie in die Welt setzen. Auf der anderen Seite möchtest du diese Musik mit den Leuten teilen. Wie bei einem Koch: Der will auch, dass es schmeckt”, schmunzelte Washington. “Ich beurteile meine Musik nicht danach, wie sie ankommt. Aber klar ist es schön, wenn meine Kunst verstanden und angenommen wird.” Beides ließ sich am Dienstagabend beobachten: Beinahe zwei Stunden führte Washington sein siebenköpfiges Ensemble in lichte Höhen und erdige Tiefen, während das Publikum jubelte.

Den Auftakt machte das mächtige “Change of the Guard”, bereits etliche Kernelemente seines Sounds absteckend, aber in der doch akustisch schwierigen Umgebung der Brauerei-Location noch sein Zuhause suchend. Zum Glück wurde der Klang aber von Minute zu Minute besser, und spätestens ab dem Zeitpunkt, als Washingtons Vater Rickey die Gruppe auf der Bühne komplettierte (es passierte bei der lyrischen Großtat “Cherokee”), griffen alle Zahnrädchen perfekt ineinander. Es war letztlich zwar nur ein Auszug, den Washington und Co zum Besten geben konnten, nur ein kurzer Einblick in sein Universum – aber dieser geriet ziemlich reichhaltig.

“Eigentlich wollte ich es kompakter machen”, meinte der Saxofonist beinahe entschuldigend auf die epische Länge seines Albums angesprochen. “Aber gleichzeitig sollte es die gesamte Vision dessen einfangen, was mich und meine Band musikalisch ausmacht. Also hatte ich diese unglaubliche Menge an Material. Und später im Prozess wurde mir klar: All das ist wichtig, all das sind wir.” Immerhin habe er mit Kollegen wie Bassist Miles Mosley oder Posaunist Ryan Porter auch bereits eine lange Vergangenheit. “Es ist eine Zusammenarbeit, die auf 30 gemeinsame Jahre zurückgeht.” In den Sessions hätten seine Mitmusiker viele Freiheiten gehabt, wobei er als Richtungsgeber fungierte. “Es ging darum, dass alle dasselbe Ziel im Auge behalten.”

Viel Abwechslung beim Jazz-Konzert in der Ottakringer Brauerei

Ein Schlagzeugduell seiner beiden höchst unterschiedlichen Arbeiter an den Fellen, dem akkuraten Techniker Tony Austin sowie Freigeist Robert Miller, gefühlvolle Gesangseinlagen von Patrice Quinn, Ausflüge von “Professor Boogie” Brandon Coleman am Keyboard: Abwechslung wurde beim Live-Erlebnis groß geschrieben. Am Ende waren nicht nur die acht Protagonisten auf, sondern auch die enthusiasmierte Menge vor der Bühne schweißgebadet. Höhepunkt war das stetig mäandernde “The Rhythm Changes”, das den Saxofonisten als Instrumentalisten wie Songwriter auf seinem (vorläufigen) Höhepunkt zeigte.

Was Washington somit eindrucksvoll – auf Platte wie im Konzert – gelungen ist, erinnert an die großen dieser Zunft: Ein musikalisches Verständnis und eine Umsetzung, die leider allzu oft wahrgenommene Grenzen ausdehnt und sprengt, sie mit Leichtigkeit und viel Verve überschreitet. Jazz? Natürlich, aber auch viel Soul und Funk, eine gute Prise Popappeal und einfach die Lust am Klang waren hier in jeder Sekunde zu spüren. “Ich habe kein bestimmtes Ritual”, erzählte er zuvor über sein Songwriting. “Du suchst einfach einen Samen, aus dem etwas wachsen kann. Du musst ihn pflegen, was nicht immer gelingt. Aber ein anderes Mal passt alles perfekt zusammen.” Bis dato hat sich Kamasi Washington jedenfalls als Gärtner mit grünem Daumen erwiesen.

(apa/red)

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