Das Dahinsiechen einer Kulturstadt

Das Dahinsiechen einer Kulturstadt
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Gastkommentar von Andreas Unterberger: Auch wenn die Wiener selbst nicht sonderlich oft in Museen gehen, so wissen sie doch sehr genau, dass die Museen ein Hauptgrund für den Touristenansturm auf Wien ist.

Sie wissen im Gegensatz zur Politik auch: Vom Tourismus lebt ein immer größerer Anteil der Berufstätigen in dieser Stadt. Er bringt noch Geld nach Wien. Während ja viele andere Branchen Wien mit seinen hohen Steuern und wuchernden Vorschriften zunehmend meiden (und während auch das in Wien besonders häufige Leben von der Gratis-Mindestsicherung nur in den Augen sehr doktrinärer Sozialisten nachhaltig funktionieren kann). Daher ist es nur als tragisch zu bezeichnen, was in der Wiener Museumslandschaft passiert.Denn dort findet das große Sterben statt. Auch wenn daran vor allem der Bund – genauer: der aus dem Burgenland gekommene Kulturminister Ostermayer – hauptschuld ist, so treffen die Konsequenzen doch vor allem die Wiener.

Da ist die fixe Schließung des Essl-Museums in Klosterneuburg nur noch die – bisher – letzte Etappe. Gewiss, Klosterneuburg gehört verwaltungsrechtlich nicht zu Wien. Aber den Nutzen aus der Existenz dieses Museums hat eindeutig der Wien-Tourismus, nicht jener in der Kleinstadt an seinem Westrand gehabt. Immerhin war das Essl-Museum das größte Privatmuseum in ganz Österreich. Es ist jetzt in den Strudel der Pleite einer Baumarkt-Kette geraten – der Museumsbetrieb hätte aber problemlos fortgeführt werden können. Ähnlich wie es in früheren, kulturaffineren Zeiten mit den Sammlungen Leopold und Ludwig geschehen ist.

  1. Dazu kommt, dass in den letzten Jahren viele Kunstsammlungen von Banken und Versicherungen zum Teil bis auf Null heruntergefahren werden mussten (weil es den Eigentümer-Gesellschaften fast durchwegs schlecht geht).
  2. Dazu kommt, dass in den staatlichen Museen im Gegensatz zu früher kaum noch attraktive Großausstellungen durchgeführt werden können (obwohl diese für den Tourismus besonders attraktiv sind).
  3. Dazu kommt, dass das Künstlerhaus seit rund einer Dekade nur noch eine Schein-Baustelle ist (hinter deren Baugerüst man seit langem nicht mehr das Geld hat, um weiter zu renovieren).
  4. Dazu kommt, dass im Liechtenstein-Stadtpalais im Gegensatz zu früheren Planungen nun doch kein Museum eingerichtet wird (weil die Gemeinde Wien ein Liechtenstein-Museum schlechter behandeln wollte als alle anderen Museen, was man sich dort begreiflicherweise nicht gefallen lassen wollte).
  5. Dazu kommt, dass das Weltmuseum und die Musikaliensammlung in der Hofburg dramatisch beschnitten werden.

Nun gewiss, die Zeiten sind schlecht. Da muss man Verständnis haben, dass nicht mehr alles geht, dass nicht alles finanzierbar ist.

Nur: Überhaupt kein Verständnis hat man dann, wenn gleichzeitig sehr wohl sehr viel Steuergeld ausgegeben wird für die Neuschaffung eines Museums. Das noch dazu inhaltlich extrem problematisch und einseitigen ideologisch ist. Also für das sogenannte „Haus der Geschichte”, das Herzensanliegen des burgenländischen Ministers.

Aber offenbar ist die Realität dieser Republik so, dass sich ein Herr Ostermayer wie einst die Feudalfürsten alle seine privaten Vorstellungen auf Kosten der Allgemeinheit teuer finanzieren lassen kann.

  • Obwohl wahrscheinlich kein einziger Tourist wegen dieses neuen Museums nach Wien kommen wird.
  • Obwohl es kaum relevante Objekte für dieses Museum gibt, die nicht längst schon irgendwo zu sehen wären.
  • Obwohl das Museum nur einen kleinen Teil der österreichischen Geschichte behandeln soll, nämlich die ab 1848 (das ist ganz zufällig der Zeitpunkt, als es erste Vorläufer der Sozialdemokratie gegeben hat). Österreich hat hingegen eine über tausendjährige Geschichte. Und es hat auch schon davor auf dem Boden der heutigen Republik insbesondere zur Römerzeit sehr spannende Dinge gegeben (wie etwa gerade ein neuerschienenes Buch von Martin Haidinger in gut leserlicher, humorvoll betrachtender wie analytisch distanzierter Weise zeigt).
  • Obwohl für die Leitung des Museums der absolut SPÖ-nächste Historiker nominiert worden ist, der in Österreich zu finden war. Dessen innige SPÖ-Einseitigkeit ist nicht nur durch die jahrelange Leitung des parteieigenen Kreisky-Archivs ausgewiesen, sondern auch durch all seine Publikationen und Interviews, sowie durch Studentenberichte über seine Vorlesungen.
  • Obwohl praktisch alle österreichischen Historiker das Konzept des Museums in Grund und Boden kritisieren (bis auf jene, die daran zu verdienen hoffen).
  • Obwohl selbst die Grünen massiv Kritik an diesem Haus üben, dass ganz offensichtlich nur zur Beweihräucherung der sozialdemokratischen Vergangenheit da ist (zugegeben: an der Gegenwart der SPÖ gibt es nichts mehr zu beweihräuchern).
  • Obwohl das schriftlich vorgelegte Konzept die schlimmsten Befürchtungen über eine ideologisch völlig einseitige Propaganda-Schau bestätigt.

Trotz all dieser Gründe scheint das Ostermayer-Museum nicht mehr aufzuhalten. Denn die ÖVP hat derzeit riesige blinde Flecken in Sachen Geschichte, Bildung und Kultur und offenbar deswegen (wieder einmal) grundlos einem total linken Projekt zugestimmt. Sie hat nicht einmal ihren sonst hie und da in Sonntagsreden des Finanzministers lobenswert aufblitzenden Willen zur Sparsamkeit gezeigt. Und im Wiener Rathaus ist Kultur sowieso nur ein Fremdwort, wenn man darunter nicht künstliche Eislaufplätze vor dem Rathaus, exzedierende Schwulenbälle im Rathaus oder Popfestivals auf der Donauinsel verstehen will.

Da ist es kein Wunder, wenn für die wirklich kulturell – und touristisch – wichtigen Dinge in und rund um diese Stadt kein Geld mehr da ist.

Der Autor war 14 Jahre Chefredakteur von „Presse“ bzw. „Wiener Zeitung“. Er schreibt unter www.andreas-unterberger.at sein „nicht ganz unpolitisches Tagebuch“, das heute Österreichs meistgelesener Internet-Blog ist.

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