Christoph Waltz: "Ich sage immer: Wer ist Hollywood?"

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Christoph Waltz: "Arbeite daran, nicht deppert zu sein"
Christoph Waltz: "Arbeite daran, nicht deppert zu sein" - © APA

Mit der Rolle eines polyglotten hinterhältigen SS-Offiziers in Quentin Tarantinos “Inglourious Basterds” hat sich der österreichische Schauspieler Christoph Waltz quasi über Nacht in eine höhere Liga des internationalen Filmgeschäfts katapultiert. Video-Interview mit Christoph Waltz

In Cannes wurde der 52-jährige mit dem Preis für den besten Darsteller geehrt, von Kollegen wie Til Schweiger als heißer Kandidat für einen Oscar gehandelt. Dienstag Abend wurde in Wien Österreich-Premiere gefeiert, am 21. August läuft die trashige Nazi-Jagd in den heimischen Kinos an. Die APA traf den in London lebenden Reinhardt-Seminar-Absolventen und Vater von vier Kindern in Wien zum Gespräch.

Waltz: (nimmt einen Schluck Mineralwasser)

APA: Keine Milch?

Waltz: Milch ist ungesund.

APA: Und Strudel ist auch ungesund?

Waltz: Ja, und mit Schlagobers sowieso.

APA: Dass Sie im Film Milch trinken und Strudel essen, war das vielleicht Ihre Idee? Bzw. gab es überhaupt Möglichkeiten, eigene Ideen einzubringen?

Waltz: Ich würde nie Apfelstrudel mit Schlagobers essen. Und sonst – ich bin jeden Tag hingegangen, das finde ich schon mal gar nicht schlecht als Input. Und ich habe genau das gemacht, was im Buch steht, und das finde ich ehrlich gesagt auch nicht schlecht. Das ist das Einbringen, das von mir verlangt wird, ich bin ja nicht der Autor. Und im Fall von diesem speziellen Autor, Quentin Tarantino, wäre es ja wirklich deppert, sich da hineinkeilen zu wollen.

APA: Sie beeindrucken im Film nicht zuletzt mit Ihrer Vielsprachigkeit, Tarantino sagte in Cannes sogar, dass er den Film ohne Sie nicht gemacht hätte. Eine besondere Ehre?

Waltz: Das ist tatsächlich eine besondere Ehre, und ich weiß, dass er das gesagt hat. Ich habe das als großes Kompliment angenommen und mir weiter, muss ich gestehen, nicht viele Gedanken darüber gemacht. Ich meine, was hätte ich auch sagen sollen? “Gehen’s einmal auf die Seite, weil ohne mich wird hier gar nichts gemacht – und Sie haben hier gar nichts zu sagen, Herr Pitt!” So war das aber auch nicht gemeint, glaub ich. Er hat etwas Spezielles gesucht – und es spricht eher dafür, dass er präzisest seiner Vision folgt.

APA: In Cannes war die Aufregung groß – ist es inzwischen ein bisschen ruhiger geworden?

Waltz: Naja, ruhiger als in Cannes klarerweise. Man kann ja nicht dauernd in Gegenwart von 500 Fotografen existieren. Aber es hat verursacht, dass mehr Menschen mit interessanten Vorhaben wissen, dass ich mich möglicherweise an ihren interessanten Vorhaben beteiligen könnte. Das stimmt schon. Man rückt schlagartig auf ein Niveau an Aufmerksamkeit, das man nur durch so einen Anlass bekommen kann.

APA: Können oder dürfen Sie die “interessanten Vorhaben” ein bisschen konkretisieren?

Waltz: Dürfen tu ich alles, aber ich tue es nicht, weil man jetzt erst einmal schauen muss. Wenn ich dann fertig bin mit der nächsten Sache, sag ich es Ihnen sofort.

APA: Das heißt, es gibt vorläufig noch keine konkreten Projekte?

Waltz: Doch, die gibt es.

APA: Mit welchen Menschen würden Sie denn gerne einmal zusammenarbeiten? Tarantino und Pitt sind ja schon eine hohe Latte…

Waltz: Ja, das ist eine sehr hohe Latte. Aber es bekommen ja permanent neue, sehr interessante Menschen die Gelegenheit, ihre Filme zu realisieren. Das ist ein bisschen wie mit Aktien: Die Tatsache, dass in der Vergangenheit hoch gehandelt wurde, heißt nicht, dass sich das in nächster Zeit auch hoch entwickelt. Was mir auffällt, ist, dass sich die Möglichkeiten erweitern, allein dadurch, dass ich Menschen – Autoren, Regisseuren, Produzenten – die bisher noch gar nicht wissen konnten, dass es mich gibt, jetzt bekannt bin. Und diese dahingehend – wie man im Branchenton sagt – Fantasien entwickeln. Und wenn sich deren Fantasien mit den meinen kreuzen sollten, wunderbar!

APA: Hollywood würde Sie reizen? Oder gibt es bei gewissen Dingen Berührungsängste?

Waltz: Ich sage immer: Wer ist Hollywood? Was ist Hollywood? Das ist ein bisschen so wie die Großwetterlage. Wenn ich rausgehe, interessiert mich, ob es hier regnet – und wie es dem Golfstrom geht, ist mir ehrlich gesagt wurscht. So ist es ein bisschen mit Hollywood – also ich weiß nicht, was das ist. Wenn ein Angebot interessant ist, ist mir nicht so wichtig, wie die ganze Finanzierungs- und Marketingorganisation dahinter ist.

APA: Sie haben bisher vorwiegend im deutschsprachigen Raum gearbeitet. Hätten Sie gedacht, dass Sie einmal als Oscar-Anwärter gehandelt werden?

Waltz: Nein, das hätte ich nicht gedacht, das denke ich nicht und werde ich auch nicht denken. Das ist ein bissl schade um die Zeit. Das ist auch nicht mein Beruf, das ist mehr Ihr Beruf. Und dazu haben Sie ein gutes Recht, aber bei mir wäre es einfach nur deppert. Und da ich sehr intensiv daran arbeite, auch im Verlauf der letzten 20 Jahre mit zunehmendem Erfolg nicht deppert zu sein, glaube ich, ich liege ganz gut damit, keinen Gedanken daran zu verschwenden. Und es gelingt mir auch. Es freut mich aber sehr, dass Sie es für möglich halten. Das nehme ich als Kompliment.

APA: Sie haben auch als Regisseur gearbeitet. Was nimmt man denn von einer so großen Produktion mit für eigene Projekte?

Waltz: Das hat mit der Größe der Produktion nichts zu tun, denn eine Produktion in dem Ausmaß wird mir als Regisseur nie zur Verfügung stehen. Und man nimmt immer etwas mit, denn ich schaue natürlich auch sehr genau unter diesem Aspekt: Wie hat er dieses Problem gelöst? Wenn es durch größere Geldsummen gelöst zu sein scheint, sag ich okay, das hat mit mir nichts zu tun. Aber wenn es durch eine gute Idee oder einen neuen Ansatz oder durch richtige Kommunikation gelöst wird, dann lernt man unglaublich viel.

APA: Wo schauen Sie sich Filme denn am liebsten an? Vorm Fernseher oder im Kino?

Waltz: Ich gehe deutlich lieber ins Kino. Ich habe zwar was weiß ich wie viele Kanäle und eine Festplatte und tausend Fernbedienungen – aber seitdem alles toll und digital ist, schau ich überhaupt nicht mehr fern. Ich habe schon vorher wenig geschaut, aber nicht deswegen, weil ich ein Snob bin. Ich bin zwar einer, aber das ist nicht der Grund. Kino ist herrlich, Kino ist sinnvoll, Fernsehen ist nicht wirklich sinnvoll. Da sitzt man alleine oder zu zweit und denkt, was man noch tun muss. Aber ins Kino geht man, das nimmt man sich vor, freut sich, engagiert einen Babysitter, will was Bestimmtes sehen, hat eine Erwartung, die entweder enttäuscht oder bestätigt wird, sitzt zusammen mit 200 Menschen wie vor zwei-, drei-, fünftausend Jahren und lässt sich was erzählen. Man wird abgeschreckt, angezogen, inspiriert oder auch nicht, hat nachher was Gutes oder Böses zu sagen, hat eine gemeinsame Zeit verbracht, tauscht sich aus darüber – ein fantastisches soziales und psychologisches Erlebnis. Aber wann haben Sie denn das beim Fernsehen zuletzt gemacht?

APA: Gibt es einen Film, an den Sie immer wieder denken, in dem Sie vielleicht auch selbst gerne mitgewirkt hätten?

Waltz: Meine Lieblingsproduktionen sind alle so perfekt, dass ich mich als Zuschauer am besten darin sehe. Mein Lieblingsfilm ist “8 1/2”, und mittlerweile könnte ich mir vorstellen, richtig zu sein für diese Rolle – ich würde aber “8 1/2” nie mit mir und ohne Marcello Mastroianni sehen wollen.

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