Chile: Ein Land am politischen Scheideweg

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Chile: Ein Land am politischen Scheideweg
Bei der Präsidentenstichwahl geht es darum, ob sich der politische “Linksruck” in Südamerika der letzten Jahre auch in Chile fortsetzt. Sozialistin Michelle Bachelet gilt als Favoritin.

Rivalen sind die Sozialistin Michelle Bachelet und der konservative Unternehmer Sebastian Pinera. Zwischen beiden bahnt sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen an. Mit der gelernten Kinderärztin Bachelet greift mit guten Aussichten erstmals eine Frau im katholischen Andenland nach der Macht. Während der Pinochet-Diktatur lebte sie unter anderem in Österreich, Australien und in der DDR – in Ost- Berlin und Leipzig -, wo sie heiratete, ihr erstes Kind bekam, Deutsch lernte und ausgebildet wurde. In ihrer Mitte-Links-Koalition “Übereinkunft für Demokratie“, die seit 15 Jahren regiert, gilt sie als „Linksaußen“.

Die 54-jährige Generalstochter will in dem für südamerikanische Verhältnisse sehr reichen Chile auf eine gerechtere Einkommensverteilung hinarbeiten. Die Schere zwischen Arm und Reich hatte sich in letzter Zeit weiter geöffnet. Ansonsten verspricht sie weitgehend eine Fortsetzung der Politik des populären scheidenden Präsidenten Ricardo Lagos.

Pinera (56) ist ein millionenschwerer Unternehmer, dessen Gegner „Besorgnis erregende Ähnlichkeiten“ mit Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi zu erkennen glauben. „Wenn er Präsident wird, wird Chile in Südamerika völlig isoliert, dann werden wir nur noch Englisch sprechen“, glaubt der sozialistische Senator Carlos Ominami.

Pinera wird den linken Kurs nicht fortführen

Niemand könne sich Pinera an der Seite der linken Präsidenten von Brasilien, Argentinien, Uruguay, Venezuela oder Bolivien vorstellen. Tatsächlich streben Pinera und seine Parteifreunde noch engere Kontakte Chiles zu den reicheren Ländern der Welt an. Das Land sei „wie eine gute Familie in schlechter Nachbarschaft“, sagen einige von ihnen. Nicht nur politisch geht Pinera auf Distanz zu seiner Rivalin. Er spielt im gesellschaftlich sehr konservativen Chile auch den Geschlechter-Trumpf aus: Er unterstellt Bachelet, sie sei eine unsichere Frau, der man die Regierungsgeschäfte im Amtssitz „La Moneda“ in Santiago nicht anvertrauen könne.

Laut Umfragen wird die Wahl tatsächlich ein Kampf der Geschlechter. Während die meisten Männer für Pinera stimmen werden, wollen die Frauen mehrheitlich die Ex-Verteidigungsministerin wählen, die sich so beschreibt: Sie sei „Frau, von meinem Mann getrennt lebend, unterdrückt, agnostisch und links“. Bei einem Sieg will Bachelet die Hälfte der Kabinetts mit Frauen besetzen. In den Vorwahltagen, in denen ein Verfahren gegen Ex-Diktator Pinochet (90) erstmals wahrscheinlich erscheint, weckt der Kampf Rechts gegen Links auch alte Gespenster. Vor allem nach einem Treffen Pineras mit Vertretern des „Verbandes der Militärs im Ruhestand“ (MUNA) Ende Dezember. Sprecher der Regierung und von Menschenrechtsgruppen kritisierten, Pinera habe Amnestiegesetze für Militärs des Pinochet-Regimes in Aussicht gestellt.

Nach dem ersten Wahlgang schien die Stichwahl für Bachelet bereits gelaufen. Aber obwohl sie bei den meisten Umfragen noch vor Pinera liegt, konnte der Kandidat der „Allianz für Chile“ den Abstand zuletzt immer weiter verkürzen. Völlig ungewiss ist der Wahlausgang aber vor allem wegen der hohen Zahl der „Unentschlossenen“ von rund 22 Prozent.

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