Beklemmender “Krieg der Träume” im Salzburger Landestheater

Zehn Menschen, ihre Lebensträume und ihre Vorstellungen vom menschlichen Zusammenleben in Zeiten des Umbruchs: Das ist der Stoff für das Stück “Krieg der Träume”, das am Sonntag im Salzburger Landestheater uraufgeführt wurde. Ein beklemmender Bilderbogen, der vom Publikum mit viel Applaus, aber keinen Begeisterungsstürmen bedacht wurde.

Ein heruntergekommenes, verfallendes Kino und sein ebenso ramponierter Besitzer – die Kunstfigur Lubitsch, für die der Regisseur Ernst Lubitsch Pate gestanden hat – bilden den Rahmen, in dem die Schicksale wie eine Revue vor den Zuschauern ablaufen. Nur, dass dieser Revue jede Leichtigkeit fehlt – das ist der Zeit geschuldet, in der die Schicksalsfäden zusammen- und wieder auseinanderlaufen. Es geht um die Jahre 1918 bis 1938 und darüber hinaus. Eine Epoche, in der selbst in den vermeintlich glücklichen Zeiten die Verzweiflung und der Abgrund immer präsent sind.

“Krieg der Träume” ist die Theaterfassung einer gleichnamigen Fernsehserie, die im Laufe des Gedenkjahres 2018 in mehreren europäischen Ländern gezeigt wird. Christoph Biermeier hat das Stück inszeniert und dafür die Drehbücher von Jan Peter als Ausgangspunkt herangezogen. Zehn Menschenleben – bekannte und unbekannte Personen – fügen sich zu einem Mosaik ihrer Zeit.

Eine Szene an der Front katapultiert die Zuschauer mitten in das Grauen des Ersten Weltkriegs. Die Soldaten haben längst ihre eigenen Identitäten verloren, sind zur kollektiven Mordmaschine geworden. Wie Maschinengewehrsalven klingt ihr verzweifeltes Anschreien gegen die nahende Niederlage und den Überlebenskampf. Als endlich Frieden ist, gebiert die Frage nach dem Sinn dieses jahrelangen Kampfes neue Träume: Kommunismus, Anarchismus, Nationalsozialismus. Und wieder sind die Menschen bereit, für ihre Überzeugungen zu kämpfen und zu töten.

Da ist Rudolf Höß, dem es im Ersten Weltkrieg gelungen ist, seine Männer wohlbehalten von der Front nach Hause zu bringen, und der sich angesichts der als demütigend empfundenen Versailler Verträge der NSDAP anschließt. 1940 übernimmt er die Leitung des Konzentrationslagers Auschwitz und wird 1947 später zum Tode verurteilt. Da ist Hans Beimler, der nach seiner Zeit bei der deutschen Kriegsmarine zum Revolutionär wird. Er bezahlt 1936 mit dem Tod. Die Sängerin und Schauspielerin Pola Negri träumt von Erfolg und Reichtum und arrangiert sich mit den jeweils Mächtigen. Die Russin Marina Yurlova, Kindersoldatin und Kosakin, geht nach dem Ersten Weltkrieg nach Amerika, und wird dort Tänzerin und Schriftstellerin. Die Schatten der Vergangenheit wird auch sie nie mehr los – das Zittern ihres rechten Arms hört nur auf, wenn sie tanzt oder eine Waffe in der Hand hält. Die Anarchistin May Picqueray ist bereit, für ihre Ideen zu töten und wird zur Attentäterin. Die junge Ärztin Edith Wellspacher wählt die Flucht aus Österreich, um ihre Träume zu realisieren.

Die Schicksale machen betroffen, wirklich berühren sie aber kaum einmal. Das liegt am revueartigen Ablauf der einzelnen Szenen, das lässt keinen tief gehenden Blick zu. Aber man bekommt als Zuseher eine Ahnung davon, was die Menschen angetrieben hat, wie eines ins andere greift und wie schwer es ist, dass aus Gewalt nicht wieder Gegengewalt erwächst. Das Besondere dieser Inszenierung: Sie stellt die Ideen und Träume nebeneinander und wertet nicht. Das gibt viel Stoff zum Nachdenken und macht betroffen. Wohl auch das ein Grund dafür, dass der Applaus am Schluss verhalten blieb. Begeisterungsstürme hätten angesichts des schwierigen Stoffs nicht gepasst.

(APA)

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