Autor Slupetzky: "Möchte in keine Schublade gesteckt werden"

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Stefan Slupetzky: "Will nicht wie ein Buchhalter agieren"
Stefan Slupetzky: "Will nicht wie ein Buchhalter agieren" - © APA
Es ist wunderbar ruhig an diesem Sommer-Vormittag im Servitenviertel in Wien-Alsergrund. Wer den Krimi “Lemmings Zorn” gelesen hat, mag diese Idylle nicht so recht glauben. Denn in seinem vierten Roman thematisiert der Wiener Autor Stefan Slupetzky den städtischen Lärm.

Dem von Stefan Slupetzky erfundenen Ex-Kriminalpolizisten Lemming, der 2005 bei seinem Erst-Antreten zwischen Buchdeckeln mit dem renommierten Glauser-Preis ausgezeichnet wurde, macht in seinem vierten Fall der Baulärm das Leben zur Hölle. Alles eigene, leidvolle Erfahrungen, bestätigt der Autor im Interview. In seinem Buch greifen lärmgeplagte Menschen zu radikalen Maßnahmen und gründen eine “Anti Lärm Fraktion” (Alf), in der harmlose Menschen zu brutalen Rächern werden. “Ich selbst habe meinen Zorn ins Buch kanalisiert”, sagt Slupetzky und lächelt.

“Ich hatte eine fünf Jahre dauernde Baustelle über mir, einen Dachbodenausbau. Da werden die Nerven auf Dauer sehr dünn”, erzählt der Autor im APA-Gespräch. Das Servitenviertel ist eine teure, gefragte Wohngegend geworden. Hier ist der 1962 geborene Wiener aufgewachsen und zur Schule gegangen, hier wohnt er, und hier hat er seinen jüngsten Krimi spielen lassen. Die Frau seines Krimihelden Leopold Wallisch – genannt “der Lemming” – bekommt in dem Roman gleich zu Beginn unter abenteuerlichen Umständen im Servitenkloster ein Kind. Der Konvent machte zuletzt durch seine Schließung bzw. die geplante Absiedlung der wenigen verbliebenen Brüder des seit 1639 in Wien ansässigen Ordens Schlagzeilen. “Ich bin total traurig darüber, trotzdem ich alles andere als ein Kerzlschlucker bin. Aber die Herren hier im Kloster waren die Seele des Viertels, herzensgute Menschen.”

Obwohl seine Krimi-Figur Lemming mit der Anfang Oktober in die Kinos kommenden Verfilmung des ersten Buches “Der Fall des Lemming” durch Nikolaus Leytner (Fritz Karl spielt den von der Polizei entlassenen Ermittler, Roland Düringer seinen widerlichen Widersacher, den Ex-Kollegen Krotznig von der Mordkommission) unzweifelhaft einen Popularitätsschub erfahren wird, wird Slupetzky keine weiteren Fortsetzungen schreiben. “Für mich ist das abgeschlossen. Ich möchte wieder etwas anderes machen. Dazu wählt man nicht diesen Beruf, um wie ein Buchhalter zu agieren.” Und auch die Verleihung des Radio Bremen Krimipreises am 16. September für sein literarisches Werk wird ihn nicht davon abbringen. “Ich hatte ursprünglich gar kein Genre im Visier und möchte auch in keine Schublade gesteckt werden. Ich bin kein Freund von Etiketten, für mich gibt es nur gute und schlechte Literatur.”

Den grassierenden Wien-Krimi-Boom betrachtet Slupetzky daher mit einer gründlichen Skepsis. Dafür, dass er mit “Maslak drückt ein Auge zu” noch eine zweite Krimi-Neuerscheinung in den Buchhandlungen liegen hat, hat Slupetzky ein Alibi: “Was mich daran interessiert hat, war nicht der Krimi, sondern das Radio-Erlebnis.” Den als Groschen-Roman aufgemachten Krimi haben eigentlich Hörerinnen und Hörer der Radio Wien-Sendung “Trost & Rat” von Willi Resetarits geschrieben. Slupetzky hat ihre Krimi-Einsendungen ausgewählt, redigiert und gelesen. Für ihn, der über eine dunkle, angenehme Sprecher-Stimme verfügt, eine tolle Erfahrung, und als ihn eines Tages ein Taxifahrer sofort an der Stimme erkannte, durfte er sich beinahe wie ein Star fühlen.

Seine Stimme setzt er gerne auch als Sänger ein. “Ich sing’ gern, und ich glaub’, ich kann’s auch”, sagt Multitalent Stefan Slupetzky, der an der Akademie der bildenden Künste in Wien studierte und kurz als Zeichenlehrer unterrichtete, ehe er sich 1991 als Autor und Illustrator selbstständig machte. Als Teil der Gruppe “Leviten lesen” tritt er gelegentlich auf, eine Zusammenarbeit mit den “Strottern” ist hinzugekommen. Auf das selbst getextete und mit ihnen aufgenommene Lied des Abspanns zum “Lemming”-Film ist er ebenso stolz wie auf den Song “Maid aus Wulkaprodersdorf”. Bis zum Erscheinen eines eigenen Tonträgers muss – neben den raren Live-Auftritten – der Video-Link auf seiner Website als Beweis seines Könnens dienen: Stefan Slupetzky singt hier mit seinem Bruder Tomas als “Die Slupetzky-Buam” bei der Eröffnung der Criminale 2008 das aus 152 österreichischen Ortsnamen bestehende Lied und darf dafür ausgiebig Lacher und Applaus einheimsen.

Auch für das Theater arbeitet der Vater einer 20-jährigen Tochter und eines zweijährigen Sohnes. Bei den Festspielen in Reichenau hat am Samstag (11. Juli) bereits seine dritte Dramatisierung Premiere. Nach der Bearbeitung des Stefan-Zweig-Romans “Rausch der Verwandlung” (2006) und der Zweig-Novelle “24 Stunden aus dem Leben einer Frau” (2008) kommt heuer “Spiel im Morgengrauen” nach der gleichnamigen Novelle von Arthur Schnitzler zur Uraufführung.

Die Novelle, in der es um Tod und Leben, Zufall und Glücksspiel, militärischen Ehrenkodex und Spielschulden geht, biete sich geradezu für die Bühne an, sagt Stefan Slupetzky: “Sehr rund, sehr stringent, sehr dramatisch.” Besondere Aufmerksamkeit erfährt die Produktion durch das Regiedebüt des künftigen Salzburger “Jedermann” Nicholas Ofczarek. “Ich bin froh, mit ihm arbeiten zu können. Es war für ihn sehr spannend, auf der anderen Seite zu stehen, und er war bei den Proben mit ganzer Energie und Konzentration bei der Sache.” Für das nächste Jahr ist bereits die nächste Schnitzler-Dramatisierung in Auftrag gegeben: “Der Weg ins Freie”.

Am Anfang von Slupetzkys literarischer Karriere standen jedoch Kindertheater (“Sau-Bär und Schwein-Igel”, “Parzival” oder “Der kleine Doktor Jakobi”) und häufig von ihm selbst illustrierte Kinderbücher (“Der Gurkenfrosch”, “Nurmi, der Bär”, “Herr Novak und die Mausfrau” u.v.a.). “Meine damalige Verlegerin hat mich dann gefragt, ob ich einen Kinderkrimi schreiben möchte. Ich hab’s probiert, aber schon nach dem ersten Kapitel war klar: Kindern kann man das nicht zumuten. So ist das erste Kapitel von ‘Der Fall des Lemming’ entstanden.”

Auch in die Verfilmung des Buches ist Slupetzky “relativ unvorbereitet und mit vollem Elan hineingeplumpst. Ich hab’ erst lernen müssen, dass man beim Film ganz anders arbeitet, dass viele Menschen daran mitwirken und die Dinge Zeit brauchen.” So hat er “ein wenig am Drehbuch mitgeschrieben” (“Die Hauptarbeit hat Agnes Pluch gemacht”), war drei Mal am Set und hat als Wartender in einer Tierarztpraxis einen Cameo-Auftritt absolviert: “Ich hab’ mir gedacht, was Alfred Hitchcock und Wolf Haas können, kann ich auch.”

Ein Jahr nach den Dreharbeiten kommt der Film nun in Herbst ins Kino. Eine erste Drehbuchfassung des zweiten Krimis (“Lemmings Himmelfahrt”) gibt es bereits, mehr noch würde Slupetzky allerdings ein eigenes Drehbuch interessieren. Auch gegen Aufträge für eigene Theaterstücke hätte er gar nichts einzuwenden, und “mit einer Musikgruppe auf Tournee zu gehen, würde mich auch wahnsinnig interessieren”, versichert er. Für die nächste Zukunft beschäftigen den Autor jedoch zwei andere Projekte: “Momentan schwanke ich sehr zwischen einem Roman, zu dem ich eine vage Idee habe, und einem Wienerischen Singspiel. Liedtexte machen mir nämlich wahnsinnig Spaß, und gerne würde ich dem auch einen Rahmen in Form einer Handlung geben.”

Wie rasch sich seine vielen Ideen umsetzen lassen, hängt allerdings auch vom Baugeschehen im Servitenviertel ab. “Baustellenmäßig ist oberhalb von unserer Wohnung momentan Ruhe.” Die könne sich allerdings als trügerisch erweisen, sagt Stefan Slupetzky. Diesmal wirkt das Lächeln ein wenig bemüht: “Es sollen am Dach noch ein paar Dinge ausständig sein…”

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