Auftakt für neue Volkstheater-Saison: “Narrenschiff” als “tolle Feldstudie”

Film- und Theaterschauspielerin Stefanie Reinsperger im Interview.
Film- und Theaterschauspielerin Stefanie Reinsperger im Interview. - © APA/Herbert Pfarrhofer
Am Freitag eröffnet das Wiener Volkstheater seine zweite Saison unter Anna Badora. Nach großen Erfolgen im Vorjahr steht Stefanie Reinsperger in der Eröffnungspremiere von Katherine Anne Porters “Narrenschiff” auf der Bühne.

Im APA-Interview spricht sie über die Qualitäten des Romans, düstere Zeiten und ihre langjährige Zusammenarbeit mit dem Regisseur.

Sie starten nun in Ihre zweite Spielzeit am Volkstheater. Das vergangene Jahr war breit gefächert: Von Shakespeare bis Schwab, von Tschechow bis Handke. Was waren die prägendsten Erfahrungen in diesem vergangenen Jahr?

Irgendwie alles. Aber natürlich war die Erfahrung mit dem Soloabend ein Höhepunkt (Handkes “Selbstbezichtigung”, Anm.), weil ich so etwas noch nie gemacht habe und es einfach eine intensive Zeit und eine sehr andere Art zu arbeiten war. Das war für mich die steilste Skiabfahrt, würde ich sagen (lacht). Auf jeden Fall die anstrengendste, aber man bekommt unfassbar viel vom Publikum zurück. Es ist ein Geschenk, dass wir so etwas hier machen dürfen. Aber auch die “Nora”-Produktion nach Hause zu holen, war ganz schön. Das Stück haben wir ja schon in Düsseldorf gespielt und es war wunderbar, dass wir uns hier alle wieder gesehen haben. Ich habe auch ein kleines Projekt in der Roten Bar mit einem Regie-Assistenten gemacht (“Von den Beinen zu kurz”), das war auch toll. Auch die Arbeit mit Victor Bodo (Tschechows “Iwanow”) war eine sehr interessante neue Erfahrung, mit Philipp Preuss (“Romeo und Julia”) habe ich es geliebt zu arbeiten. Es war eine sehr abwechslungsreiche Spielzeit.

Mit dem “Narrenschiff” kommt nun ein – bereits kurz nach Erscheinen verfilmter – Roman auf die Bühne. Kannten Sie den Text vorher und haben Sie den Film gesehen?

Ich kannte den Film tatsächlich nicht. Wo ich mir als Österreicherin ganz komisch vorkam, weil alle sagten, es ist DER Film mit Oskar Werner. Ich habe ihn mir – auch aus Schutz – dann aber nicht angeschaut. Das Buch habe ich mir jedoch gekauft und war hingerissen. Es ist so ein kluger, zeitloser Roman, wenn man bedenkt, wie alt er ist und dass er eine Zeit lang verboten war. Ich würde es jedem empfehlen zu lesen. Für mich ist es unglaublich, welche Gesellschaftsmotive Katherine Anne Porter entwirft, die erschreckend anwendbar auf das Hier und Jetzt sind.

Der Roman und nunmehr das Stück spiegeln die bedrohliche Stimmung vor der nationalsozialistischen Herrschaft wider. Wo sehen Sie Parallelen zum Heute?

Im Buch ist es so, dass sich diese Reisegesellschaft auf der Überfahrt von Mexiko nach Bremerhafen befindet, kurz vor dem Zweiten Weltkrieg. Wenn man es sich heute anschaut, ist dieses Schiff Europa und derzeit wissen wir ja glaube ich nicht ganz genau, wohin wir da steuern. Gleichzeitig hat es eine unfassbare Allgemeingültigkeit, so traurig das ist. Weil sich die ganzen Narren in jedem der Zuschauer und auch uns Spielern wiederfinden. Und es zeigt, was passiert, wenn man Menschen zusammenpfercht. Da stellt sich die Frage: Muss es sein, dass man Grenzen aufzieht, sodass Menschen sich auf wenig Platz noch mehr zusammenquetschen müssen? Und ein Schiff potenziert diese Gefahr, weil man wirklich nicht weg kann. Und was ist der Exit? Der Brexit? Für mich liegt das alles in diesem Stück.

Den Frauenfiguren des “Narrenschiffs” wird eine gewisse Zerrissenheit zwischen dem Wunsch nach Selbstbestimmung und dem Wunsch nach Liebe und Geborgenheit attestiert. Welche Rolle spielen diese Frauen und findet sich dieses Dilemma in der zeitgenössischen Weiblichkeit wieder?

Nur den Frauen? Da bin ich die falsche Ansprechperson für dieses Männer-Frauen-Ding. Ich finde auch, dass all das hier die Männer genauso verkörpern. Der Film wurde sehr weich gewaschen, wie ich gelesen habe. Aber im Buch ist das sehr viel brutaler und hilfloser und wahnsinnig traurig. Das sind schon alle da oben, nicht nur die Frauen. Das unterscheidet weder zwischen Herkunft, Alter oder Geschlecht.

Wie sind diese Figuren auf dem Schiff?

Das Problem ist, dass man sich nicht aussuchen kann, mit wem man sich auf einem Schiff in einer Kabine befindet. Und was spannend ist zu sehen ist, dass diese Menschen sich alle nicht kennen und das erste, was sie tun ist, Besitzansprüche zu stellen. Auch bei Dingen, auf die sie sonst nicht kommen würden. Alle sind hier unter einem Brennglas, unter dem alles verstärkt wird. Manchmal kann Urlaub mit besten Freunden ja das Ende einer Freundschaft sein. Daran muss ich denken. Es ist natürlich pointierter, weil sehr politische, archaische Themen verhandelt werden. Alles, was wir kennen: Mitläufertum, Ausgrenzung. Menschen, die dann aggressiv oder hilflos werden, noch mehr allein sind oder eben Anschluss bei den falschen Leuten suchen. Es ist eine tolle Feldstudie, was Gesellschaft betrifft, die potenziert ist durch diesen kleinen Raum. Alle sind ganz furchtbar und gleichzeitig mag man sie alle. Das ist die große Qualität des Romans, aber auch der Theaterfassung.

“Refugees Welcome” raufschreiben “reicht nicht”

Der Roman ist – auch im physischen Sinne – ein Schwergewicht. Können Sie verraten, wie dieser immense Umfang auf der Bühne verdichtet wird?

Wir sind ein ziemlich großes Ensemble, elf Spieler. Ein paar Rollen wurden zusammengefasst, aber es gibt beispielsweise 876 kubanische Flüchtlinge, die wir auch erzählen werden. Dušan David Pařízek hat versucht, die Kerngeschichte zu verdichten und in den Proben was Schönes gesagt: Jeder von den Spielern spielt eine Hauptrolle in seiner eigenen Geschichte. Bewundernswert, wie er es geschafft hat, diese Fülle zu erzählen. Jede Figur hat viel im Gepäck, was sie loswerden will. Ich hoffe, es wird ein abwechslungsreicher Ensembleabend.

Wie erleben Sie die aktuelle politische Stimmung im Land und was kann das Theater hier leisten? Das Volkstheater hat sich ja etwa mit “Lost and Found” dem Thema Flucht gewidmet…

Es gab letztes Jahr diese Phase, wo man sich als Theater “Refugees Welcome” raufgeschrieben hat. Ich finde, das reicht nicht. Was der weitere Schritt ist, das muss jeder selbst zu Hause für sich entscheiden. Der Slogan ist schön, aber es ist ein Unterschied zwischen Worten und Taten. Ich fürchte mich vor dem 2. Oktober. Ich hoffe, dass wir klug genug sind, die richtige Entscheidung zu treffen. Aber es macht einem schon Angst. Wir haben es im Sommer bemerkt, dass man auf einmal drüber nachdenkt, wohin man fährt. Es herrscht so eine Angst. Der einzige Weg, damit umzugehen, ist der Weg nach vorne. Ich finde es schwierig, dem Theater die Verantwortung zu geben. Es ist ja per se die Rolle des Theaters, dass es politisch ist.

Und ich mag eigentlich keine Aufführungen, wo mir klassische Stücke mit ganz viel Hingabe modern erzählt werden, mit Sekundärtexten und allem. Ich bin wirklich der Meinung, dass es einen Grund gibt, warum man diese Klassiker noch spielt. Dass man “Richard III” wieder genau so spielen kann und jeder wird den Herrscher darin sehen, den er sehen will. Und ich glaube, dass das reicht. Weil wir Schauspieler setzen uns ja mit dem auseinander, was passiert. Und wenn ich als dieser Mensch, der ich bin, auf die Bühne gehe, ist das schon politisch. Weil ich Dinge jetzt anders sage als vor einem Jahr. Beim “Narrenschiff” sagen wir nicht dezidiert, dass wir das im Hier und Jetzt spielen, sondern stellen es in Zeit und Raum, den das Publikum interpretieren kann.

Können Sie schon mehr über die Inszenierung verraten? Spielt es auf einem Schiff?

Wir haben da keine Titanic stehen, wenn Sie das meinen. Ich mache das gar nicht so gerne, viel zu verraten, weil ich es schöner finde, wenn die Leute selber etwas hineininterpretieren können. Das Einzige was man sagen kann: Dass unsere Kabinen die ausrangierten Akademietheater-Garderobentische sind. Das ist ein Gimmick, das ganz schön ist.

Was ist Ihnen beim Spielen am wichtigsten?

Für mich ist der Anspruch für jede Vorstellung und auch jede Probe, dass man es immer schafft, sich herauszufordern. Ich fordere sehr gerne, auch meine Kollegen und die Zuschauer. Aber ich lasse mich gerne herausfordern. Ich hasse Bequemlichkeit. Das Schönste ist, wenn man mit seinem Partner eine Art Schwebezustand erreichen kann und alles rundherum weg ist und gleichzeitig unheimlich präsent und der Zuschauer eine angestrebte Katharsis erleben kann. Dieser Rausch und die Sucht nach dem Spiel.

Welche Rolle spielt ihre jahrelange Zusammenarbeit mit Dušan David Pařízek dabei?

Wir haben in Düsseldorf den “Zerbrochnen Krug” gemacht und was ich inzwischen sagen kann ist, dass ich mit ihm und durch seine Arbeit immer mehr bei mir angekommen bin. Weil er mir Sachen zugetraut hat und mir Herausforderungen gestellt hat, die mich wahnsinnig weitergebracht haben. Und das basiert auf einem sehr großen Vertrauen und einer Freude, miteinander zu arbeiten. Ich schätze ihn wahnsinnig. Ich habe aber trotzdem das Gefühl, dass ich diese Lust am Spiel bei jedem Regisseur habe. Gleichzeitig ist es schön, weil man an etwas andocken kann. Durch Dušan bin ich bei mir angekommen – als Spielerin aber auch als Mensch.

Sie sind auch immer wieder im Fernsehen und auf der großen Leinwand zu sehen. Worin liegt für Sie der Reiz, die Bühne für andere Projekte zu verlassen?

Ich bekomme immer mehr Lust daran. Ich bewundere Filmschauspieler, die das das ganze Jahr machen. Es ist beim Film wahnsinnig fordernd, mit der eigenen Energie hauszuhalten, wegen der ganzen Wartezeiten. Für mich ist es eine ganz andere Art, diesen Beruf auszuüben. Mein Herz schlägt zwar für das Theater, aber ich liebe diese riesige Teamarbeit beim Film. Auf der Bühne spielst du mit den Kollegen und alle anderen sind hinten versteckt. Aber im Film sind immer alle da. Das Setleben hat etwas ganz Anderes, manchmal fast etwas Geerdeteres, weil es als Handwerk verstanden wird, das man auf Zack ausüben muss. Es ist ein großes Geschenk, in diese Welt abzutauchen und wieder zurückzukommen.

(Sonja Harter/APA)

>> “Das Narrenschiff” von Katherine Anne Porter, Uraufführung im Volkstheater. Bühnenfassung und Regie: Dusan David Parizek. Premiere am 9. September, 19.30 Uhr. Mit u.a. Stefanie Reinsperger, Michael Abendroth, Rainer Galke, Anja Herden und Seyneb Saleh.

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