Auf nach Island

Auf nach Island
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Gastbeitrag von fischundfleisch-Blogger Onur Kas: Täglich schlechte Nachrichten, ein knallharter Wettbewerb und Liebeskummer. Am liebsten möchte ich alles hinter mir lassen und auf eine friedliche Insel ziehen. Welcher Ort wäre da nicht geeigneter, wenn nicht Island?


Nach fast sechsjähriger Beziehung voller Höhen und Tiefen, endete für mich im November ein Stück Leben. Meine Freundin und ich trennten uns. Für diese Zeit danke ich ihr zutiefst. Viele werden sicher wissen, welche Gefühle und Erfahrungen einen danach bevorstehen. Deshalb werde ich darauf nicht näher eingehen. Nur so viel: Man ist gezwungen eine Tür zu durchqueren und steht plötzlich vor dem Nichts. So viele Möglichkeiten hatte ich nun, aber sie schienen so weit weg, dass sie für mich unerreichbar wirkten. Was sollte ich tun? Wie sollte ich mit dem Herzschmerz, den Brenngefühlen in den Nerven, mit dem Kloß im Hals und dem Liebeskummer, den ich zum ersten Mal so intensiv erlebe, umgehen?

Zur Französischen Legion oder zum Pluto?

Mir fielen die exotischsten Ideen ein: Eine Karriere bei der Französischen Legion, eine Expedition entlang der Seidenstraße, ein Forschungsjahr im Amazonas-Regenwald, ja sogar ein Flug zum Pluto, damit ich weit, weit, weit weg bin von dem Liebeskummer. Schließlich hatte ich mich für die pragmatischste Variante entschieden und zog in eine Wiener-WG ein. Wer hätte gedacht, dass ich mal nach Wien ziehe, wo ich mich doch in einem Blog-Artikel über die Unfreundlichkeit der Wienerinnen und Wiener beschwerte?

Mein Zimmer ist eingerichtet und ein neues Kapitel in meinem Leben hat angefangen. Nur: Der Liebeskummer will nicht weichen. Hinzu kommen nun andere ungünstige Faktoren. Jetzt lebe ich nicht auf dem friedlichen Land, sondern in der von stressgeplagten Stadt. Die Informationsflut ist beachtlich. Alle fünf Minuten erscheint auf dem Werbebildschirmen der U-Bahn eine Hiobsbotschaft nach der anderen aus der Politik, den Konfliktgebieten und der Flüchtlingskrise.

Tinder? Bitte nicht!

Zwar ist es leichter in Wien neue Leute kennen zu lernen, aber zu viele vertrauen auf Tinder und Co. Wenn ich in der U-Bahn eine für mich auf den ersten Blick interessant wirkende Person sehe, starrt sie konsequent auf ihr Smartphone. Blickkontakte? Fehlanzeige. Wenn sie aussteigt, an mir vorbei geht und weiterhin auf das Teil fixiert ist, erfährt sie nie von meiner Existenz. Tinder sei Dank. Dabei bin ich nicht an einer schnellen Nummer, sondern nur an einer Kontaktherstellung interessiert. Als wäre der knallharte Wettbewerb in der Arbeitswelt nicht genug, muss man sich auch noch im Privatleben vermarkten. So weit es mir gelingt, meide ich diese sozialdarwinistische Welt. Denn nicht die künstliche Intelligenz soll für mich bestimmen, wer zu mir passt, sondern mein Herz!
Dieser flüsterte mir am vergangenen Samstag zu, dass ich eine Weltkarte kaufen und in mein Zimmer aufhängen sollte. Gesagt, getan. Ich hatte wortwörtlich die ganze Welt vor mir und fragte mich, wo ich jetzt hinreisen würde. Aus irgendeinem Grund blickte ich spontan auf Island. Ich kann es mir zwar im Moment nicht leisten, aber ich will dennoch nach Island. Also schloss ich meine Augen.

Auf nach Island

Island! Laut Global Peace Index das friedlichste Land der Welt. Das Land, dass Flächenmäßig etwa so groß ist wie Spanien, aber gerade mal 331.000 Einwohner hat.

Für seine warmen Freiluft Thermalquellen berühmt berüchtigt, laden sie auch im tiefsten Winter zum verweilen ein. Aufgrund seiner von Vulkanen geprägten Landschaft, besitzt die Insel zwar kaum Bäume, aber dafür gewaltige Wasserfälle, endlos grüne Felder und traumhafte Hügel.

Isländisch zählt zu den schwierigsten Sprachen weltweit und ist von einem Ausländer kaum erlernbar. Die Sprache ist in seinem Klang so eine Rarität, dass man dennoch gewillt ist diese zu lernen, damit man mit den Bewohnern in Kontakt treten kann.

In Island existieren sicher auch Probleme, keine Frage. Aber dieses Land, dass an Elfen glaubt und dazu eine mittelalterlich-märchenhafte Landschaft besitzt, erscheint mir so glückselig und fernab von den Turbulenzen des Festlandes zu sein, dass ich mich am liebsten hierhin zurückziehen möchte, um meinen Liebeskummer zu überwinden. Oh wie schön ist Island.

Journalist Onur Kas kommt aus dem Ruhrgebiet, er ist 26 Jahre alt und bloggt u.a. auf der unabhängigen Meinungsplattform fischundfleisch.com, wo Menschen Themen aller Art veröffentlichen können.

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