“Asylrecht noch strenger”: Afghanen glauben nicht an Erfolg der Kampagne

In Afghanistan glaubt man nicht an einen Erfolg der Österreich-Kampagne.
In Afghanistan glaubt man nicht an einen Erfolg der Österreich-Kampagne. - © APA/Herbert Pfarrhofer
Die von Österreichs Innenministerin Johanna Mikl-Leitner vorgestellte Kampagne, die die Flüchtlingswelle aus Afghanistan bremsen soll, wird von den Menschen vor Ort mit Verwunderung und Schulterzucken aufgenommen.

Die diese Woche von Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) vorgestellte Infokampagne in Afghanistan ist online gestartet. Ab Montag werden auch im Fernsehen, auf Billboards oder auf Bussen Slogans wie “Österreichs Asylrecht noch strenger” unters Volk gebracht. Damit soll die Bevölkerung von der Flucht abgehalten werden. Bei Afghanen in Kabul stößt sie auf Verwunderung bis Schulterzucken. Kaum jemand kann sich einen Erfolg der Kampagne vorstellen.

“Wenn das zehn Afghanen davon abschreckt, von hier wegzugehen, wird das viel sein”, sagt Maryam, eine Studentin in Kabul, die die Meinung der überwiegenden Mehrheit ausdrückt. Denn einerseits kenne sie niemanden, der vor seiner Flucht dezidiert geplant hätte, nach Österreich zu gehen. “Alle wollen nach Deutschland.” Andererseits habe sie auch nie gehört, dass Österreich erklärt hätte, Flüchtlinge seien willkommen.

Die Studentin hält der Kampagne zumindest zugute, dass sie auf sozialen Medien laufe. Denn viele Afghanen ließen sich von fröhlichen Bildern von Afghanen in Europa auf Facebook und Co. beeindrucken. Es seien vor allem die Geschichten jener, die es geschafft haben, die heute überall auch auf Verlobungsfeiern oder Hochzeiten erzählt würden. Jene, die unter schwierigen Bedingungen in Flüchtlingsheimen leben, posaunen dies nicht hinaus – das käme einem Gesichtsverlust gleich, den man sich auf jeden Fall ersparen will.

Afghanistan: Andere Länder schalteten bereits ähnliche Kampagnen

Österreich ist dabei nicht das erste Land, das versucht, Afghanen mit einer Werbekampagne von der Flucht abzuhalten. Viele Afghanen erinnern sich an eine 550.000-Dollar-teure Kampagne Australiens vor zweieinhalb Jahren, für die ein aufwendiger Spot gedreht wurde, in der ein Afghane über die Probleme durch seine Flucht erzählt. Die Nachricht an die Afghanen lautete: Flüchte nicht mit einem Boot nach Australien – denn wenn du es tust, sitzt du jahrelang fest und kommst mit Schulden zurück in die Heimat. Bereits mit dem Beginn der Kampagne zweifelten Nichtregierungsorganisationen und Experten an einem Erfolg. Zu Recht – denn der überwiegende Großteil der Afghanen dachte sich: Gut, dieser eine Mann hat es nicht geschafft. Das müsse aber nicht auf sie zutreffen.

Auch Norwegen, Finnland, Dänemark und seit November Deutschland versuchen – wenn auch mit weniger aufwendigen – Werbespots, Anzeigen in sozialen Medien und auf Billboards in den afghanischen Städten Flüchtlinge abzuschrecken. Oder – wie es vonseiten der Kampagnenbetreiber zumeist heißt – die Menschen über alle Aspekte der Flucht aufzuklären.

“Die Welle wird anhalten”

Bei Brancheninsidern ist zu hören, dass derartige Kampagnen oft ihre Wirkung verfehlen. Parwiz Kawa, Chefredakteur der größten afghanischen Zeitung “Hasht-e Sobh”, sieht die meisten Kampagnen kritisch. “Der Großteil operiert mit sehr allgemeinen Botschaften. Das ist natürlich gut für das heimische Publikum der Länder, die sie schalten, aber nicht für die Afghanen”, sagt Kawa. Man müsse die Botschaften den Gegebenheiten vor Ort anpassen. Für Afghanistan hieße das, dass man die Menschen am besten erreiche, wenn man sie nicht nur grob abschrecke, sondern ein emotionales Element hinzufüge. Etwas, dass sie dazu anrege und inspiriere, in ihrer Heimat zu bleiben.

Laut Kawa habe sich die Anzahl der Flüchtlinge aus Afghanistan in den vergangenen Wochen minimal verringert. Das führt er aber nicht auf die Kampagnen der europäischen Länder zurück, sondern auf die kalte Jahreszeit, Berichte über auf der Flucht ertrunkene Afghanen und von den Geschehnissen an der griechisch-mazedonischen Grenze. Die große Fluchtbewegung sieht er aber längst nicht vorüber. “Die Welle wird anhalten.”

Schützenhilfe von der afghanischen Regierung können sich die europäischen Länder laut Kawa nur minimal erwarten. Präsident Ashraf Ghani oder das Flüchtlingsministerium würden zwar in lokalen Medien nun immer stärker und öfter dafür eintreten, dass die Afghanen zu Hause bleiben sollen. Sie würden aber nicht wirklich etwas tun, um die Wurzeln der Probleme zu bekämpfen, etwa Arbeitsplätze schaffen. “Die politische Führung beschränkt sich darauf, zu sagen: Geht nicht weg.”

Sicherheitslage wird immer schlechter

Dass sich die Sicherheitslage ständig weiter verschlechtert, belegen die jüngsten Opferzahlen der UNO-Mission in Afghanistan: Sie haben 2015 erneut einen Rekordwert seit Beginn der Aufzeichnungen (2009) erreicht. Die meisten Zivilisten wurden bei Bodengefechten zwischen Armee und islamistischen Aufständischen getötet. An zweiter Stelle jedoch folgen bereits gezielte Tötungen von Einzelpersonen durch die Taliban, ein Plus von rund 25 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Experten rechnen den Anstieg auch dem Faktum zu, dass es mit dem Abzug der internationalen Truppen weniger harte Angriffsziele gebe und die Aufständischen nun auf weiche Ziele ausweichen. Rund 30 Prozent des Territoriums gilt heute als von den Taliban kontrolliert.

Auch wenn die meisten Afghanen der österreichischen Kampagne keine Aussicht auf Erfolg prophezeien, so gibt es doch Bürger, die sie begrüßen. “Solche Kampagnen sind wichtig und richtig, denn diese Massenflucht ist ein Problem für die Europäer und die Afghanen”, sagt Habib Hamizada, Mitglied der zivilgesellschaftlichen “Bewegung gegen Arbeitslosigkeit”. “Ja, das Leben in Afghanistan ist hart, trotzdem ist es unser Land”, sagt Hamizada. Es könne nicht sein, dass diejenigen, die das Potenzial haben, das Land aufzubauen auswandern und um den ganzen Erdball verstreut sind.

(APA, Red.)

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