Argerich und Barenboim im Musikverein – Ein Ereignis

Zwei seiner bekanntesten Orchesterwerke hat Claude Debussy für zwei Klaviere bearbeitet. Warum? Damit Martha Argerich und Daniel Barenboim, zwei führende Debussy-Interpreten unserer Zeit, jeder für sich Klavierlegende und als Kindheitsfreunde im Besitz eines besonderen Bandes, sie gemeinsam spielen können. Zumindest hatte man diesen Eindruck gestern, Freitag, Abend im Wiener Musikverein.

Zum 100. Todestag Debussys – er starb am 25. März 1918 in Paris – wird der französische Impressionsmeister weltweit gefeiert, das aktuelle Musikverein Festival widmet ihm einen Schwerpunkt: Symphonisches, große Gesangswerke – und diesen, etwas anderen, Höhepunkt. Zwei Klaviere, ein Ereignis: Debussys Übersetzungen seines bunten malerischen Klangkosmos auf 176 schwarz-weiße Tasten rühren an den Kern seines revolutionären musikalischen Denkens. Er befreite die Komposition, baute das Gerüst ab, das von seinen Vorgängern zur Klangkonstruktion errichtet war und brachte das leuchtende Innere zum Vorschein.

Daniel Barenboim – selbst ein gefeierter Debussy-Interpret – hat wiederholt zu Protokoll gegeben, dass er im empfindsamen Spiel von Martha Argerich die ideale Entsprechung für diesen Komponisten findet. Doch es ist ein anderer Umstand, der die beiden zu idealen Duopartnern macht: Es wird kaum ein Zufall sein, dass die meisten großartigen Klavierduos aus Geschwistern bestehen. So wie es kein Zufall ist, dass das Spielen am Instrument und das Spielen von Kindern wortgleich ist. Zusammen zu spielen, wortlos, intuitiv, Regeln und Ausnahmen gleichsam beiläufig erfindend, einander trotz großer Unterschiedlichkeit bedingungslos zugewandt, das ist die einzigartige Fähigkeit von Kindern. Geschwister haben das miteinander erlebt – und als gemeinsam Musizierende erhalten.

Argerich und Barenboim sind nicht Schwester und Bruder, doch die beiden kennen sich seit früher Kindheit. Beide geboren in Buenos Aires (sie 1941, er 1942), beide früh als Wunderkinder identifiziert, beide kaum zehnjährig zu einer internationalen Karriere aufgebrochen, taten sie sich als Kinder zum Spielen fernab der Musik – “unter dem Klavier”, wie Barenboim einmal erzählte – zusammen. Ihre Konzerttätigkeit kreuzte sich lange kaum, erst in den vergangenen Jahren spielen die beiden Weltstars, nicht zuletzt angestachelt durch ein Publikum, das sich als Atem anhaltender Zeuge von Musikgeschichte fühlen darf, vermehrt gemeinsam. Im Musikverein hatten sie zuletzt gar einen gemeinsamen Zyklus, das gestrige war das letzte und krönende Konzert daraus.

Debussy also, zuerst eigentlich Robert Schumann, dessen “Studien für Pedalflügel” Debussy für zwei Klaviere als inniges Zwiegespräch arrangiert hat. Die passionierte Argerich, der planerische Barenboim – das ist nur etwas mehr als ein Klischee, gemeinsam leicht zu überwinden, und doch ausreichend wahr für die entsprechende Würze des harmonischen Miteinander. Dann vier Hände auf einem einzigen Pinsel: “Six Epigraphes antiques”, charaktervolle, szenische Miniaturen, flink hingeworfen. Das programmatische “En blanc et noir”, eine anspruchsvolle Reflexion über die Tasten als Erzählfiguren und nach der Pause die beiden ikonischen Werke Debussys, vom Symphonischen als puristisches Abenteuer auf zwei Klaviere übertragen: “Prelude a l’apres-midi d’un faune” und “La Mer”. Zwei ausgewiesene Experten, zwei alte Freunde, zwei unbedingte Künstler an ihrem ureigensten Instrument: Besser kann man Debussy nicht würdigen.

(APA)

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