Anomalisa – Trailer und Kritik zum Film

Anomalisa – Trailer und Kritik zum Film
Was bedeutet es, menschlich zu sein – zu leiden, zu leben? Eine Frage, die Charlie Kaufman in “Anomalisa” stellt – und ausgerechnet mit Puppen beantwortet.

Michael Stone, Ehemann, Familienvater und angesehener Autor des Sachbuchs “How May I Help You Help Them?”, steckt fest im Leben.

Anomalisa – Die Geschichte

An jenem Abend, an dem er für einen Vortrag vor Kundenberatern in einem 08/15-Hotelzimmer in Cincinnati ankommt, scheint ihm das besonders schmerzlich bewusst zu sein. Schon länger denkt er über die Trennung von seiner Ehefrau nach, da kommt ihm seine einstige Flamme Bella in den Sinn. Vor elf Jahren hat er sie plötzlich sitzen gelassen, nun lebt sie in Cincinnati und er ruft sie an. Doch das Wiedersehen in der Hotelbar läuft nicht wie erhofft, von Versöhnung keine Spur, zu tief sitzt die Enttäuschung, zu platt agiert Michael in seinen vagen Annäherungsversuchen.

Was man an diesem Punkt wissen muss: Ob seine Ex, seine Ehefrau Donna oder sein Sohn, der ängstliche Sitznachbar im Flugzeug, der halblustige Taxifahrer oder der höfliche Hotelrezeptionist – sie alle sehen sich in Michaels Augen nicht nur verdammt ähnlich, sie klingen auch gleich, werden allesamt gesprochen vom US-Schauspieler Tom Noonan. Das Hotel, in das Michael (Stimme: der großartige David Thewlis mit markantem britischen Akzent) eincheckt, heißt nämlich nicht zufällig Fregoli Hotel – sind Menschen mit dem Fregoli-Syndrom doch wahnhaft davon überzeugt, dass die Leute um sie herum eigentlich ein- und dieselbe, getarnte Person sind. Auch Michael fühlt sich verfolgt und zugleich isoliert, gefangen in einer monotonen Welt voller uniformer Menschen – bis er vom Hotelflur plötzlich eine andere, fremde Stimme hört: Jene von Lisa (Jennifer Jason Leigh). Könnte sie die Liebe seines Lebens sein?

Anomalisa – Die Kritik

Es wäre nicht Charlie Kaufman, würde die Verheißung tatsächlich wahr werden und den drohenden Nervenzusammenbruch aufhalten. Doch in den kurzen Momenten voller Hoffnung und sprühender Funken zwischen dem spröden Michael und der schüchternen und doch quirligen Lisa, die Michael aufgrund einer Deformation in ihrem Gesicht liebevoll “Anomalisa” nennt, wandelt sich die dunkle, bizarre Studie der Einsamkeit zu einer melancholischen, zarten Liebesgeschichte. Durch die herausragende Synchronisierung von Thewlis und Leigh, aber auch durch kleinste Gefühlsregungen, wirken die Puppen dabei fast menschlich, beinahe lebendig.

Mittels aufwendigster Stop-Motion-Technik wurden die maximal 30 Zentimeter hohen Puppen für jede Einstellung neu eingerichtet. Ihre Künstlichkeit bleibt bei aller Menschlichkeit stets sichtbar, sind ihre Bewegungen doch leicht abgehakt und wurden die Ränder zwischen den variablen Gesichtshälften nachträglich nicht entfernt. Zum Realismus trägt die Alltäglichkeit bei, die “Anomalisa” im Laufe einer Nacht vom Gang aufs Klo über das Bestellen von Zimmerservice bis zur abendlichen Dusche einfängt. Bevor der Film eine surreale Wendung nimmt, gipfelt er in einer denkwürdigen, zwischen animierten Puppen so wohl noch nie da gewesenen Sexszene, die die oft schwierige, unbeholfene erste Intimität zwischen zwei wunderbar unperfekten Menschen so authentisch zeigt wie man es sonst kaum zu sehen bekommt.

Verortet wird das Geschehen großteils im präzise eingerichteten, unpersönlichen Hotel-Setting, getragen wiederum von einem subtilen Soundtrack von Carter Burwell. Als eine Art Hörspiel im Rahmen von Burwells “Theater of a New Ear”-Projekt war Charlie Kaufmans Geschichte vor zehn Jahren bereits gänzlich ohne visuelle Elemente auf einer Bühne zu sehen bzw. schon damals von den Protagonisten Thewlis, Leigh und Noonan zu hören. U.a. durch Crowdfunding und die Unterstützung von Stop-Motion-Spezialist Duke Johnson hat die Erzählung nun glücklicherweise auf die große Leinwand gefunden.

Für Kaufman-Fans, die nach seinem Regiedebüt “Synecdoche, New York” (2008) lange auf einen Nachfolgefilm warten mussten, ist “Anomalisa” ein wahres Juwel. Für jene, die mit Kaufmans schwarzhumorigem, absurden Universum nicht vertraut sind, mag der langsam erzählte, schwer einzuordnende Film anfangs befremdlich sein. So oder so: Die Figuren, die Ästhetik, die Dialoge bleiben nach dem Kinobesuch noch lange bei einem. Und Michaels – einem herzzerreißenden Epilog vorangestellte – Worte hallen noch lange nach. “Halte Ausschau nach dem Besonderen in jedem Menschen”, sagt er mit zittriger Stimme. “Darum geht es.”

(APA)

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