“Anna Karenina” feiert umjubelte Premiere im Wiener Volkstheater

Bei der Premiere von "Anna Karenina" im Volkstheater
Bei der Premiere von "Anna Karenina" im Volkstheater - © Christoph Sebastian
Es ist wohl einer der berühmtesten Romane der Welt und aus dem Kanon der Weltliteratur nicht wegzudenken: “Anna Karenina” von Leo Tolstoi. Am Freitag wurde die aktuelle Dramatisierung erstmals im Wiener Volkstheater zur Ausfführung gebracht – als Paarlauf zwischen Emotion und Konvention.

Eins verwunderte bei der “Anna Karenina”-Premiere ein wenig: In der Österreichischen Erstaufführung der Theaterfassung von Leo Tolstois berühmtem Mammut-Roman  im Wiener Volkstheater rührt das Glück, das die eigentlich in den feschen Wronski verliebte Kitty Schtscherbazkaja letztlich an der Seite des liebenswerten Waldschrats Lewin findet, mehr als das Unglück Annas, die Wronskis Werben erhört und dafür Mann, Sohn und gesellschaftliche Position verliert. Dennoch gab es gestern viel Applaus für die zweieinhalbstündige Premiere.

Die Inszenierung von “Anna Karenina”

Der deutsche Dramatiker und Regisseur Armin Petras hat in seiner vor vier Jahren uraufgeführten Bühnenfassung Tolstois episches Panorama aus der Belle Epoque Russlands, das Land und Leute detailliert und farbenprächtig festgehalten hat, zu einem Acht-Personen-Stück rund um drei Paare komprimiert. Sie repräsentieren verschiedene Spielformen des Versuchs, eigene Gefühle und gesellschaftliche Gesetze halbwegs in Einklang zu bringen.

Auf einer grellrot bemalten Bühne aus mehreren, nach hinten immer kleiner werdenden Portalen (Bühne: Hyun Chu) konzentriert sich Regisseur Stephan Müller nach einem stilisierten Eislaufplatz-Tableau zum Auftakt darauf, die Personen in den richtigen Konstellationen zusammenzuführen und die Wechsel zwischen Dialogen und kurzen Ausstiegen, in denen Gefühle erläutert oder Handlungssprünge erklärt werden, plausibel zu arrangieren. Das gelingt ihm gut. Alle Konzentration gilt den Schauspielern und ihren Paarläufen.

Die Charaktere des Stückes

Am uninteressantesten und wohl auch normalsten wirkt die Beziehung zwischen dem ewig untreuen Stefan (Patrick O. Beck), Annas Bruder, und seiner immer wieder verzeihenden Gattin Dascha. In der von Susa Meyer gespielten Entwicklung von der großen, mit zerrauften Haaren vorgebrachten Eifersuchts-Arie hin zur sorgenden, abgeklärten, mit anderen innig mitfühlenden Frau ist wohl auch ein soziales wie moralisches Ideal enthalten, das sich seit Tolstois Zeiten nicht viel gewandelt hat: Wer liebt, verzeiht.

Am aufregendsten und schönsten ist der Weg, der den schrulligen, sich für hässlich und uninteressant haltenden ländlichen Gutsbesitzer Lewin und die entzückende junge Kitty, Daschas Schwester, zusammenführt. Die Begegnungen zwischen Till Firit und Hanna Binder sind der emotionale und schauspielerische Höhepunkt des Abends. Zuerst die Zurückweisung eines Heiratsantrags mitten am Eislaufplatz, später die Wiederbegegnung voller Angst und Hoffnung, das einander Finden und schließlich das bange Aufbrechen in ein gemeinsames Leben. Den beiden dabei zuzusehen, lässt einem das Herz aufgehen.

Große Emotionen im Volkstheater

Gegen soviel ungekünstelte Emotionalität fällt das Drama der Titelfigur vergleichsweise schal aus. Martina Stilp wird als wandelnder Eisschrank eingeführt, ihrer Schönheit und gesellschaftlichen Position wohl bewusst, mit der Einheitsgeste der auf die Hüfte gelegten linken Hand mehr unbewegliche Statue als lebendiger Mensch. Ihre Erweckung durch die Begegnung mit dem feschen Grafen Wronski (den Roman Schmelzer eher als blasierten Dandy im Nadelstreif denn als draufgängerischen Offizier anlegt) zu einem liebenden Menschen aus Fleisch und Blut wirkt krampfig, die mütterliche Liebe zu Söhnchen Serjoscha (sehr begabt: Alexander Mayer) unglaubwürdig. Umso schlüssiger dagegen, wie sehr der Männerwelt schlussendlich der Tod Anna Kareninas gelegen käme: Alexej Karenin (eindrucksvoll in einem engen Korsett gesellschaftlicher und beruflicher Verpflichtungen gefangen: Michael Wenninger) wäre den Skandal und Wronski die beschwerlich gewordene Geliebte los.

Doch es kommt anders, als man denkt. Und anders, als im Roman steht. Der tödliche Zug, der im Volkstheater am Ende nicht kommt, wird schon ab 7. Dezember auf der Leinwand Anna Kareninas Leben beenden. Dann läuft die “Anna Karenina”-Verfilmung von Joe Wright in den österreichischen Kinos an, mit Keira Knightley in der Titelrolle.

(apa/red)

Leserreporter
Bild an VOL.AT schicken


0Kommentare

Herzlichen Dank für Ihren Kommentar - dieser wird nach einer Prüfung von uns freigeschaltet. Beachten Sie, dass dies gerade an Wochenenden etwas länger dauern kann. Kommentare von registrierten Usern werden sofort freigeschaltet - hier registrieren!

noch 1000 Zeichen