Anna Badora macht (fast) alles neu am Wiener Volkstheater

Akt.:
Anna Badora, designierte Intendantin des Volkstheaters im Rahmen einer Pressekonferenz zum Thema "Spielplan 2015/2016"
Anna Badora, designierte Intendantin des Volkstheaters im Rahmen einer Pressekonferenz zum Thema "Spielplan 2015/2016" - © APA
Das Wiener Volkstheater macht (fast) alles neu, denn die aus Graz nach Wien wechselnde Intendantin Anna Badora lässt bis zum Start der Saison 2015/16 eine neue Zuschauertribüne einbauen.  Außerdem bringt sie 18 neue Schauspieler, die zusammen mit vier von Michael Schottenberg übernommenen Kollegen künftig das Ensemble bilden werden. Das heute vorgestellte Programm umfasst elf Premieren am Haupthaus, elf an Nebenspielstätten.

Sie sehe ihre Aufgabe nicht wie manche Beobachter als “Mission impossible”, sagte Badora zu Beginn ihrer Pressekonferenz: “Aber die Grundsituation setzt uns Grenzen. Die versuchen wir zu durchbrechen.” Man werde am Volkstheater auf Österreich und Wien einen “Blick von allen Seiten, von innen wie von außen, aus viele verschiedenen Perspektiven von österreichischen und internationalen Künstlern” bieten. Die 17 Regisseure und Regisseurinnen der ersten Saison kommen aus neun Ländern.

Alles neu am Wiener Volkstheater

Der tschechische Regisseur Dusan David Parizek werde mit gleich drei Inszenierungen “das Gesicht des Volkstheaters sichtbar mitprägen”, sagte Dramaturg Roland Koberg. Parizek inszeniert eine Trias österreichischer Autoren, beginnend mit einem aus Düsseldorf übernommenen “Nora hoch drei”-Projekt, das Elfriede Jelineks Ibsen-Fortschreibung inkludiert, “zündet dann als zweite Stufe Thomas Bernhards ‘Alte Meister'”, und bringt Peter Handkes “Selbstbezichtigung” “als Nachschlag”.

“Ein beispielloses Buch ohne jede Reue”

Die intensive Beschäftigung mit der österreichischen Literatur wird mit Gerhard Fritschs Kriegsheimkehrer-Roman “Fasching” begonnen, für Koberg “ein beispielloses Buch ohne jede Reue, ohne jedes Unrechtsbewusstsein, dafür mit Humor, ein unheimliches, monströses Buch, das nach der Bühne schreit”. Badora eröffnet die Intendanz am 5. September mit ihrer eigenen Inszenierung dieser Dramatisierung.

Intensive Auseinandersetzung mit Wiener Realitäten

Mit acht Uraufführungen zeigt man Flagge, was das Gegenwartstheater angeht. “Wir werden uns sehr intensiv mit Wiener Realitäten auseinandersetzen. Die globalen Verwerfungen hinterlassen Spuren in den hier lebenden Menschen”, sagte Badora. Zu den Uraufführungs-Projekten zählen Ulf Schmidts “Der Marienthaler Dachs”, in dem ein Dachs genauso empfindlich auf Ereignisse reagiert wie der Frankfurter DAX, und Ibrahim Amirs “Homohalal”, das laut Dramaturgin Heike Müller-Merten “eine sehr komische, sehr groteske Zukunftsperspektive” anbietet: 2032 treffen die einstigen Besetzer aus dem Refugee Protest Camp der Votivkirche wieder aufeinander.

Bezirks-Tournee

Yael Ronen beschäftigt sich in einem Projekt u.a. mit österreichischen Jihadisten (“Überzeugungskampf”). Die israelische Regisseurin wird sich auch mit dem aus Graz übernommenen Abend “Hakoah Wien” vorstellen. Ebenso zweimal ist der Puppentheatermacher Nikolaus Habjan vertreten, der seine Grazer Inszenierung von Camus’ “Das Missverständnis” zeigt und “Das Wechselbälgchen” von Christine Lavant in einer Dramatisierung von Maja Haderlap im Rahmen der Bezirks-Tournee präsentiert.

Hundsturm wird zu “Volx/Margareten”

Deren Premieren werden künftig stets im in “Volx/Margareten” umbenannten Hundsturm stattfinden, ehe sie auf Tournee gehen. “Die Orte bleiben, die Inhalte ändern sich”, sagte Badora. “Es geht um Bewahrung und Veränderung zugleich.” Zu den weiteren drei Produktionen zählt auch “Mugshots”, der Theater-Erstling von Thomas Glavinic. Das “Volx/Margareten” eröffnet mit der Uraufführung von “Nachtschicht”, einer theatralen Feldforschung von und mit Wiener Nachtarbeitern.

Musikfestival “ParisVienne”

Auch Klassiker werden weiter gepflegt – 2015/16 u.a. Nestroys “Zu ebener Erde und erster Stock” (Regie: Susanne Lietzow), Shakespeares “Romeo und Julia”, inszeniert vom jungen österreichischen Regisseur Philipp Preuss, der hier erstmals arbeitet, und Tschechows “Iwanow” in der Regie von Viktor Bodo. Dazu kommen Koproduktionen, die es u.a. ermöglichen, das dänische Performance-Kollektiv SIGNA ein Projekt in der Proben- und Lagerhalle Faßziehergasse verwirklichen zu lassen, die von Constance Cauers geleitete Schiene “Junges Volkstheater” und Festivals wie “Serbischer November”, “Neues Wiener Volkstheater” entlang der U-Bahn-Linie U4 und das Musikfestival “ParisVienne”.

Ensemble mit 22 Schauspielern

Das Ensemble umfasst insgesamt 22 Schauspieler, nur vier (Claudia Sabitzer, Günter Franzmeier, Alexander Lhotzky und Günther Wiederschwinger) bleiben am Haus. Aus Graz kommen u.a. Birgit Stöger, Katharina Klar, Steffi Krautz, Stefan Suske, Jan Thümer, Sebastian Klein und Christoph Rothenbuchner, von der Burg Stefanie Reinsperger. Dazu kommen aber auch Gäste wie Adele Neuhauser.

Um 5 bis 7 Prozent mehr Erlös

Eine aus eigenen Mitteln und der laufenden Crowdfunding Kampagne finanzierte neue Zuschauertribüne wird bis an die Unterkante des Balkons ansteigen, Sicht und Akustik verbessern und die Zahl der Sitzplätze künftig von 970 auf 850 reduzieren. Dennoch gehe man davon aus, “dass wir um 5 bis 7 Prozent mehr erlösen werden als in der laufenden Saison”, sagte der kaufmännische Direktor Cay Stefan Urbanek. Derzeit verfüge man über 12 Millionen Euro an Subvention von Stadt und Bund, in intensiven Gesprächen versuche man, um zumindest rund 0,5 Mio. mehr zu bekommen. Bei der geplanten Sanierung “rechne ich fix damit, dass sie unter der Direktion Badora passieren wird”. Vorerst hat die neue Intendantin einen Fünf-Jahres-Vertrag

(APA/Red.)

Leserreporter
Bild an VOL.AT schicken


0Kommentare

Herzlichen Dank für Ihren Kommentar - dieser wird nach einer Prüfung von uns freigeschaltet. Beachten Sie, dass dies gerade an Wochenenden etwas länger dauern kann. Kommentare von registrierten Usern werden sofort freigeschaltet - hier registrieren!

noch 1000 Zeichen
Werbung