Andy Holzer im Interview: “Bergsteigen kommt mir einfach entgegen”

Akt.:
Der blinde österreichische Extrembergsteiger Andy Holzer
Der blinde österreichische Extrembergsteiger Andy Holzer - © APA/ROBERT JAEGER/Martin Kopfsguter
“Man darf nur nicht nach unten schauen, so mach ich’s auch immer”, sagt Andy Holzer zu seinem Bestseller “Balanceakt”. Kein ungewöhnlicher Ratschlag eines Profibergsteigers – wäre dieser nicht blind. Sechs der Seven Summits hat der 48-jährige Osttiroler bestiegen.

Seine ungewöhnliche Geschichte erzählt er auf erfolgreichen Vortragsreisen und nun auch in der Kinodoku “Unter Blinden”.

“Unter Blinden” startet mit Ihren Worten an Regisseurin Eva Spreitzhofer: “Ich sehe dasselbe, was du siehst.” Wie haben Sie sich diese “Welt der Sehenden” erarbeitet?

Andy Holzer: Ich habe nichts anderes mitbekommen, weil ich von meinen Eltern von erster Stunde an als sehendes Kind erzogen worden bin, und sie mir das Spiel der Farben, der Formen, der Schatten und der Sonne nicht entzogen haben. So hat mein Gehirn parallel zur Sprachentwicklung und zur Entwicklung des aufrechten Ganges den theoretischen optischen Eindruck generiert. Das, was sehende Menschen durch den Sehnerv bekommen, ist ja auch nur ein technisches Signal. Das Bewusstsein, welches Bild unser geistiges Auge projiziert, habe ich auch, das ist einfach nur eine biochemische Funktion, die zwischen Synapsen in der Sehrinde passiert. Meine Eltern haben es geschafft, diese anzuregen, indem sie uns Kindern – meine Schwester ist ja auch blind – vermittelt haben, dass die Legosteine rot, weiß, blau, grün und gelb sind, und dass das Haus, das ich gebaut habe zwar schön, aber voller Flecken ist, und ich es nach Farben ordnen sollte. Also habe ich genau das gemacht.

Wie die Doku zeigt, haben Sie Ihre Mitschüler und Lehrer lange glauben lassen, Sie könnten sehen. Wie kam es dazu?

Holzer: Schon als Junge habe ich gelernt: Wenn ich auf der sehenden Welt barrierefrei aufwachsen will, muss ich mich anpassen, und so handeln, damit andere damit zurechtkommen. Ich habe intuitiv bei meinen Spielkameraden gespürt: Je mehr ich das Sehen spiele, desto mehr habe ich Zugang zu allem, was ich machen will. Hätten die Eltern gewusst, dass ich blind bin, hätten sie vermieden, dass die Jungs mit mir auf Bäume klettern oder mit Hammer und Nagel ausgerüstet aufs Dach steigen und beim Decken unseres Daches helfen

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Wie müssten sich die Rahmenbedingungen in unserer Gesellschaft ändern, um mehr blinden Kindern einen derartigen Start ins Leben zu ermöglichen?

Holzer: Wenn es um Ratschläge an Politik, Eltern- oder Behindertenverbände geht, fühle ich mich überhaupt nicht kompetent. Ich habe oft ein schlechtes Gewissen, wie gut es mir geht mit meiner Situation. Es gibt kein Rezept, ich kann Eltern nicht sagen: “Lasst eure Kinder über Skisprungschanzen springen und mit fünf Jahren mit dem Fahrrad durch das Dorf brausen”, das wäre ein großes Unglück. Wir haben sieben Milliarden verschiedene Wege, so viele Menschen und Weltbilder wie wir haben. Man darf nicht vergleichen, man muss zulassen.

Im Film sagen Sie: Je höher ein Berg, desto freier fühlen Sie sich. Woran liegt das?

Holzer: Das Bergsteigen kommt mir einfach entgegen. Je steiler die Berge werden, desto langsamer wird die Geschwindigkeit. Das kommt meiner Wahrnehmung entgegen, weil ich mit jedem Schritt mehr Millisekunden zur Verfügung habe, um zu analysieren, wo der nächste Schritt hingehört. Auf den ganz hohen Bergen, etwa am Himalaja auf 8.000 Metern, sind durch den Sauerstoffmangel auch meine sehenden Partner plötzlich brutal eingeschränkt, weil die körperlichen Funktionen andere sind, wenn man nur noch ein Drittel Sauerstoffdruck zur Verfügung hat. Da ist die Behinderung aufgrund des Sauerstoffmangels höher als die Behinderung als blinder Bergsteiger. Wenn wir dann wieder absteigen und in Kathmandu in Nepal auf der Straße spazieren, bin ich wieder komplett angewiesen und total aufgeschmissen, da geht die Schere wieder weit auseinander.

Einen ersten Besteigungsversuch des Mount Everest haben Sie im Vorjahr unterbrochen, nachdem bei einem Lawinenunglück 16 nepalesische Bergführer ums Leben gekommen waren. Halten Sie an einem Neuversuch fest?

Holzer: Ich habe den Sommer in den Dolomiten verbracht und im Winter fast 100 Skitouren gemacht. Am 6. April starte ich nach Kathmandu und möchte den Mount Everest von der anderen Seite über chinesisches Staatsgebiet, auf dem Nordostgrad, besteigen, weil ich auf der Südroute, wo ich letztes Jahr die Lawine erleben musste, auch dieses Jahr vermute, dass der Konflikt zwischen Regierung, Sherpas, westlichen Bergsteigern, Kultur und Traurigkeit nicht ausgelebt ist. Wie alles im Leben hat auch der Everest zwei Seiten und ich versuche es auf der anderen Seite. Schauen wir mal, ob es gelingt.

“Unter Blinden” war ursprünglich als fiktive Verfilmung Ihres Buches “Balanceakt – Blind auf die Gipfel der Welt” geplant. Hat es Überredung gebraucht, Sie für einen Dokumentarfilm zu gewinnen?

Holzer: Ich habe erst einen Konflikt gehabt, nicht nur mit mir sondern auch mit der Filmcrew, weil ich teilweise in Situationen reingeschoben worden bin, die ich beinhart abgelehnt habe. Jetzt hat man einen Kompromiss gefunden und als ich den Film bei der Premiere (bei der Diagonale, Anm.) das erste Mal “gesehen” habe – und das sage ich bewusst – war ich sehr positiv überrascht, wie gekonnt auch vom Sounddesign und der Dramaturgie her das Ganze doch eine schöne Abrundung gefunden hat. Und die Verfilmung meines Lebens können wir immer noch machen, sicher sogar.

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Die Doku spart auch nicht jene Momente aus, in denen Sie mit “Sehenden” ungeduldig und frustriert scheinen. Sehen Sie diese Momente richtig eingefangen?

Holzer: Man sieht mich im Film oft ein bisschen forsch und streng, wie ich ungeduldig oder grantig wirke. Das soll jetzt nicht überheblich klingen, aber: Ich muss naturgemäß gedanklich immer einen Schritt voraus sein. Ich kann nicht reagieren, wenn es da ist, dann ist es zu spät. Das verstehen so viele Sehende nicht. Und dann gebe ich ganz intuitiv Befehle in dementsprechend scharfem Ton aus, das habe ich schon als Junge so machen müssen, um die Sehenden zu führen. Nicht, weil ich sie führen will, sondern weil es nötig ist, um gemeinsam mit den Sehenden voranzukommen. Auf einem 7.000 Meter hohen Berg kann ich nicht zu meinem sehenden Partner sagen: “Jetzt musst du wissen, wie du mich runter oder hoch bringst.” Ich muss ihm sagen, wie es mit mir funktioniert.

(Das Gespräch führte Angelika Prawda/APA)

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