Alles Kurz

Sebastian Kurz geht aus der Poleposition in den Wahlkampf zur Nationalratswahl.
Sebastian Kurz geht aus der Poleposition in den Wahlkampf zur Nationalratswahl. - © APA/Hans Punz
Gastkommentar von Johannes Huber. Nicht nur das Schicksal der ÖVP hängt von Sebastian Kurz ab. Sondern auch das von Heinz-Christian Strache, Christian Kern und der Wiener SPÖ.

Sebastian Kurz ist noch nicht einmal Spitzenkandidat, geschweige denn Bundesobmann der ÖVP, da kann er sich schon über drei Erfolge freuen: Seine Parteifreunde haben sich unterworfen und ihm eine Generalvollmacht dafür ausgestellt, tun und lassen zu können, was immer er möchte. Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) hat er bei seiner Weigerung, jetzt schon Verantwortung zu übernehmen und stellvertretender Regierungschef zu werden, ziemlich hilflos ausschauen lassen. Und so gut wie alle Meinungsforscher und Politikbeobachter sind der Überzeugung, dass er bei der Nationalratswahl im kommenden Oktober triumphieren könnte. Damit hat er sich alles in allem einen schönen Startvorteil erarbeitet; er geht, wenn man so will, aus der Poleposition ins Rennen.

Die Mitbewerber des 30-Jährigen haben also gute Gründe, nervös zu sein. Zwar wird der Wahlkampf mit fünf Monaten noch eine halbe Ewigkeit dauern, in der alles Mögliche passieren kann. Zumindest aber ist alles offen. Und das reicht schon.

FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache beispielsweise ist gleich voll auf Angriff gegangen und bezeichnete Kurz auf Facebook als “System-Wunderwuzzi”: Er weiß, dass ihm dieser mehr als jeder andere das Kanzleramt doch glatt noch wegschnappen könnte. Vor einem halben Jahr noch hätte man darauf wetten können, dass sich Strache durchsetzen würde. Heute sollte man sicherheitshalber keinen Cent mehr darauf setzen.

Kurz hat die Führerschaft über die drei Themen übernommen, mit denen Strache bisher am ehesten punktete: Zuwanderung, Türkei und EU-Reform. “Grenzen zu, Härte gegenüber Recep Tayyip Erdogan und weniger Bürokratie in Brüssel”, lautet auch die Devise des ÖVP-Politikers, der noch dazu über die besseren Persönlichkeitswerte verfügt, bei den Bürgern also eher ankommt.
Sollte Strache diese Wahlauseinandersetzung nicht für sich entscheiden, sind seine Tage an der FPÖ-Spitze wohl gezählt. Zumal es längst eine Alternative zu ihm gibt: Norbert Hofer.

Christian Kern kann sich darüber nicht freuen: Ihm geht’s nämlich so ähnlich. Wenn nicht noch viel schlimmer: Kurz ist, wie eingangs erwähnt, Schlitten gefahren mit ihm. Das muss er erst verkraften. Und sich dann überlegen, wie er sich gegen Kurz durchsetzen könnte: So wie bisher, indem er früher oder später dessen Forderungen übernimmt, wird’s jedenfalls nicht gehen.

Schon einmal durchkreuzt hat Kurz die Zukunftspläne des Wiener Bürgermeisters und Landesparteivorsitzenden Michael Häupl (SPÖ): Dieser will ja “zeitnah” nach der nächsten Nationalratswahl zurücktreten. Nachdem Kurz nun aber die Koalition platzen ließ und damit den Urnengang quasi um ein Jahr vorverlegte, wird das schon sehr bald sein müssen. Wobei Häupl unter Umständen keinen Einfluss mehr auf seine Nachfolge nehmen können wird: Setzt sich Kern durch, werden die linken Genossen gestärkt, gewinnt Strache oder eben Kurz, darf sich Michael Ludwig wieder Hoffnungen machen, zum Zug zu kommen. Er geht schließlich schon heute davon aus, dass die Zukunft rechts der Mitte liegt.

Johannes Huber betreibt den Blog dieSubstanz.at – Analysen und Hintergründe zur Politik.

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