Aliyev-Prozess: Angeklagte von kasachischem Häftling belastet

Zeuge sitzt wegen Beteiligung an Entführung der Banker zehnjährige Haftstrafe ab
Zeuge sitzt wegen Beteiligung an Entführung der Banker zehnjährige Haftstrafe ab - © APA
Am Mittwoch ist am 29. Verhandlungstag im Prozess um die Ermordung der kasachischen Banker Zholdas Timraliyev und Aybar Khasenov über Stunden hinweg ein Zeuge der Anklage vernommen worden. Askan Bekmuratov (40) – wegen Beteiligung an der Entführung in Kasachstan zu einer zehnjährigen Freiheitsstrafe unter strengen Haftbedingungen verurteilt – hat dabei die zwei verbliebenen Angeklagten belastet.

Nach dem Ableben des Hauptangeklagten – Rakhat Aliyev, der ehemalige Schwiegersohn des kasachischen Präsidenten Nursultan Nasarbajew, wurde am 24. Februar erhängt in seiner Zelle in der Justizanstalt Wien-Josefstadt aufgefunden – müssen sich sein ehemaliger Sicherheitsberater Vadim Koshlyak sowie der vormalige kasachische Geheimdienstchef Alnur Mussayev wegen Mitwirkung an dem Doppelmord vor einem Wiener Schwurgericht verantworten.

Angeklagte im Aliyev-Prozess von kasachischem Häftling belastet

Bekmuratov schilderte nun ausführlich, wie die Nurbank-Manager von Aliyev eingeschüchtert, aus den Räumlichkeiten der Bank zu seiner Residenz verbracht, dort misshandelt und gefoltert, unter Medikamente gesetzt und nach tagelanger Gefangenschaft am 9. Februar 2007 weggeschafft worden seien. Koshlyak habe Aliyev dabei tatkräftig unterstützt, Mussayev sei anwesend gewesen, als Timraliyev und Khasenov in einem Landcruiser verschwanden. Laut Anklage sollen die beiden von Aliyev, Koshlyak und Mussayev erdrosselt und in Kalkfässern vergraben worden sein. Ihre sterblichen Überreste tauchten erst im Mai 2011 in der Remisovka-Schlucht etwas außerhalb der kasachischen Hauptstadt Astana auf.

Eskorte nach Wien

Um in Wien persönlich aussagen zu können, erhielt Bekmuratov von der kasachischen Justiz einen begleiteten Freigang. Zwei unbewaffnete kasachische Polizisten eskortierten ihn nach Wien, wo die heimische Exekutive den Personenschutz übernahm. Vor dem Schwurgericht schilderte der 40-Jährige nun, wie er in die anklagegegenständliche Sache hineingeschlittert sei.

Seiner Aussage zufolge ist Bekmuratov mit Koshlyak seit Kindheitstagen befreundet. Dieser habe ihm einen Job in einer Zuckerfabrik verschafft, die sich im Besitz Aliyevs befand. Eines Tages – am 31. Jänner 2007 – habe er einen Anruf von Koshlyak erhalten, der ihn aufforderte, blaue Werksmäntel und Handschellen in einen Bürokomplex zu bringen, in dem sich die Nurbank befand, die wirtschaftlich ebenfalls Aliyev zuzurechnen war, erinnerte sich der Zeuge.

“Bei uns ist es nicht üblich, Fragen zu stellen”

Diesem Ersuchen sei Bekmuratov ohne Nachfragen nachgekommen: “Bei uns ist es nicht üblich, Fragen zu stellen.” In den Räumlichkeiten der Bank habe der Zeuge gesehen, wie Timraliyev und Khasenov, der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Nurbank sowie der Verwaltungschef, von Aliyev festgehalten und gezwungen wurden, ein Papier zu unterschreiben. Sie sollten gestehen, mit unrechtmäßigen Kreditvergaben die Bank, deren Mehrheitseigentümer Aliyev war, am Vermögen geschädigt zu haben. Weil Aliyev mit dem, was Timraliyev zu Papier brachte, nicht zufrieden gewesen sei, habe Aliyev ihn geschlagen und mit Füßen getreten. Er habe mitgemacht und ebenfalls hingeschlagen, erklärte Bekmuratov. Auf die Frage nach dem Weshalb meinte er: “Damals war das für mich ganz normal. Ich war so gestimmt. Meine Meinung war, das waren Verbrecher.”

“Gezwungen die Sohlen seiner Schuhe zu küssen”

Timraliyev habe “Nein, bitte nicht! Ich mache alles, was Sie wollen!” geschrien, setzte Bekmuratov fort. Aliyev habe den Banker daraufhin gezwungen, ihm mehrfach die Sohlen seiner Schuhe zu küssen. Sodann sei Timraliyev von Koshlyak regelrecht verprügelt worden. Danach habe man den Bankern die blauen Mäntel angezogen, sie zu Aliyevs Residenz transportiert und dort in zwei separate Zimmer gesperrt, schilderte der Zeuge. Während Khasenov in einen Fitnessraum kam und dort an ein Trainingsgerät gefesselt worden sei, habe er auf Befehl von Aliyev den zweiten Banker an ein Bett “angeschnallt”, gab Bekmuratov zu Protokoll.

“Er hat gelacht, Scherze gemacht”

Aliyev habe Timraliyev “weiter ausgefragt” und des Diebstahls von Bankvermögen beschuldigt. Schließlich habe Aliyev von ihm, Bekmuratov, verlangt, den Banker “in Vier-Füße-Stellung zu bringen und ihm die Hose runterzuziehen”, setzte der Zeuge fort. In Gegenwart von Koshlyak, der dazu leise gelacht habe, habe Aliyev einen etwa einen Meter langen Stock ergriffen, damit auf den entblößten Timraliyev eingeschlagen und am Ende den Stock in dessen After eingeführt. Während der Banker vor Schmerzen geschrien habe, habe man “gesehen, dass ihm (Aliyev, Anm.) das Spaß macht. Er hat gelacht, Scherze gemacht”, so Bekmuratov.

“Kleinherzigkeit, Feigheit und Angst”

Später habe man Timraliyev in einen Käfig gesperrt. Er, Bekmuratov, habe erst am nächsten Tag, als im Fernsehen eine Pressekonferenz übertragen wurde, erfahren, um wen es sich bei den gefangen gehaltenen Männern handelte, erklärte der kasachische Zeuge: “Ich war erschüttert und schockiert über den Umstand. Ich habe das Gefühl gekriegt, ich wurde benutzt.” Ihm sei bewusst geworden, “wie tief ich drinnen stecke”. Dass er sich dagegen nicht zur Wehr gesetzt habe, erklärte Bekmuratov mit “Kleinherzigkeit, Feigheit und Angst um meine Familie”. Aliyev sei ein mächtiger Mann gewesen.

“Wir mussten sie halten, damit sie nicht umfallen”

Bekmuratov schilderte auch, Aliyev bzw. er in dessen Auftrag hätten den Bankern während der Gefangenschaft das Beruhigungsmittel Persen verabreicht. Aliyev habe ihnen auch “Spritzen mit einer durchsichtigen Flüssigkeit” injiziert, die er aus seiner Aktentasche entnommen habe. Die Spritzen habe er, Bekmuratov, später verbrannt: “Das, was übrig geblieben ist, habe ich eingegraben.” Timraliyev, der wie Khasenov am 5. Februar in ein Gemüselager innerhalb der Residenz Aliyevs verlegt wurde und dessen Bewachung ihm überantwortet worden sei, habe – offenbar infolge der ihm verabreichten Substanzen – kaum mehr stehen können, als er vom Gelände geschafft wurde, erzählte Bekmuratov: “Wir mussten sie halten, damit sie nicht umfallen.” Aliyev habe ihm nach dem Verschwinden der Banker aufgetragen, die Räumlichkeiten aufzuwaschen, in denen sie festgehalten worden waren. Er habe außerdem ihre Kleidung und Timraliyevs zwei Mobiltelefone verbrannt.

Zu 100 Prozent sicher

Beim Verschwinden der Banker am 9. Februar sei Mussayev neben dem Landcruiser gestanden, mit dem die beiden weggebracht worden seien, gab der “Zeuge der Anklage” zu Protokoll. Da sei er sich “sicher, zu 100 Prozent”. Er selbst sei in weiterer Folge untergetaucht, habe sich in die Berge begeben und versteckt: “Ich habe Angst gehabt, dass mich Aliyev und Koshlyak als unnötigen Zeugen liquidieren könnten.” Am 10. Juni 2007 habe er sich dann aber freiwillig der Polizei gestellt, betonte Bekmuratov.

Angeklagten belastenden Angaben

Die Frage von Verteidiger Martin Mahrer, ob ihm von kasachischer Seite für seine die Angeklagten belastenden Angaben Versprechungen – etwa ein Strafnachlass – gemacht wurden, verneinte der 40-Jährige: “Nach acht Jahren im Gefängnis sind das eine Jahr und elf Monate nichts mehr für mich.” Mahrers weitergehende Frage, ob er in Österreich um Asyl ansuchen und so seiner Reststrafe entgehen möchte, verneinte Bekmuratov ebenfalls: “Lieber hält man mich in meinem Heimatland für einen Ex-Gefangenen als hier für einen Asylanten.”

Kein Zeuge mehr geladen

Die Verhandlung wird nicht – wie ursprünglich kommuniziert – am 1. Juli, sondern bereits übermorgen, Freitag, mit Verlesungen und der Behandlung von offenen und allfälligen weiteren Beweisanträgen fortgesetzt. Zeuge ist für 26. Juni keiner mehr geladen. Der Prozess soll nach derzeitigem Verhandlungsplan am 10. Juli zu Ende gehen.

(APA/Red.)

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