824 Menschen gelten in Österreich als vermisst

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Ein Ermittler aus Vorarlberg etwa geht davon aus, das aus dem Dreiländereck rund 100 Menschen für immer im Bodensee verschwunden sind.
Ein Ermittler aus Vorarlberg etwa geht davon aus, das aus dem Dreiländereck rund 100 Menschen für immer im Bodensee verschwunden sind. - © APA
824 Menschen gelten in Österreich als vermisst (Stand: 5. März 2015). 452 Erwachsene, 225 Jugendliche und 147 Kinder sind verschwunden, oftmals spurlos. Allein der Bodensee könnte die letzte Ruhestätte für rund 100 Menschen sein.

Ein neues Tool des “Kompetenzzentrums für abgängige Personen” (KAP) im Bundeskriminalamt (BK) erfasst erstmals genaue Daten über die Abgängigen, um die Präventions- und Fahndungsarbeit in diesen Fällen zu verbessern. Es gibt nämlich in Österreich etwa Jugendliche, die Dutzende Male als vermisst gemeldet wurden. Traurigen Rekord stellte ein Minderjähriger auf, der bereits 61 Mal verschwunden war. Ob es sich um einen Burschen oder ein Mädchen handelt, wollten die Ermittler nicht sagen. Aber das ist bei weitem kein Einzelfall. Die meisten dieser Jugendlichen, die im “Abhauen” eine Lösung sehen, leben in Wohlfahrtseinrichtungen. Mit der richtigen Prävention wären solche Fälle allerdings verhinderbar, ist man im BK überzeugt. “Da stecken soziale Probleme dahinter”, sagte Regine Wieselthaler-Buchmann, Chefin der Abteilung für internationale Polizeikooperation im BK, am Freitag bei einem Pressegespräch.

Speziell geschulte Beamte gehen in Heime

In Linz und Bad Ischl etwa hat so eine Präventionsarbeit bereits stattgefunden. Speziell geschulte Beamte sind auf die Leitung zweier Heime zugegangen, sie setzten sich mit den Bewohnern zusammen und machten sie auf die Folgen des Weglaufens aufmerksam. Daraufhin sind die Abgängigkeitsanzeigen deutlich zurückgegangen. “Das war äußerst fruchtbringend”, sagte Wieselthaler-Buchmann. Das Tool gibt nun erstmals konkrete Aussagen über Anzahl, Dauer, vermuteter Grund und Ort von abgängigen Menschen, somit können Lagebilder erstellt werden.

Sonderform der Abgängigkeit: Kindesentziehungen

In 44 Fällen von verschwundenen Minderjährigen und Unmündigen handelt es sich um Kindesentziehungen, eine Sonderform der Abgängigkeit. “Der älteste Fall stammt aus dem Jahr 2003”, sagte der Leiter des KAP, Chefinspektor Stefan Mayer. Dabei kommt den Ermittlern die sogenannte Aging-Methodik zugute. Hier lässt man mittels Computer auf Fotos abgebildete vermisste Personen künstlich altern, um sie für die Fahndung leichter erkennbar zu machen, was vor allem bei Kinder Erfolg versprechen soll, erläuterte Mayer. In Großbritannien wurde so nach der seit Jahren verschwundenen Madeleine “Maddie” McCann gesucht. Die Methodik wurde in Österreich erstmals von den Zielfahndern des BK eingesetzt und nun vom KAP übernommen. Ein Ermittler braucht etwa einen Tag, um ein Foto “altern” zu lassen.

“Erst nach 48 Stunden” ist ein Fernseh-Mythos

Plötzlich verschwundene Menschen können sofort abgängig gemeldet werden. “Der Mythos mit den 48 Stunden stammt aus amerikanischen Fernsehkrimis”, so Wieselthaler-Buchmann. Die Polizei leitet eine Fahndung ein, wenn die Person Opfer einer Gewalttat oder eines Unfalls geworden sein kann, wenn Suizidgefahr besteht oder wenn er aufgrund einer psychischen Behinderung hilflos ist bzw. das Leben und die Gesundheit anderer gefährdet. Nach Minderjährigen wird in jedem Fall gefahndet. Die Ermittler sind immer wieder mit Fällen konfrontiert, bei denen vor allem erwachsene Menschen bewusst verschwinden. “Es gibt Aussteiger”, erzählte Wieselthaler-Buchmann. “Ich habe das Recht, mich zu vertschüssen.” Diesen Menschen würde es im In- oder Ausland gut gehen. “Und wenn diese Personen das nicht wollen, dann dürfen wir den Angehörigen nichts (über den Aufenthalt, Anm.) sagen”, erklärte die BK-Mitarbeiterin.

Rund 100 Menschen im Bodensee?

Im Jahr 2014 wurden 7.705 Abgängigkeitsanzeigen erstattet. Während die meisten wieder widerrufen wurden, blieben im vergangenen Jahr 249 Vermisstenfälle als ungeklärt. In 22 Fällen gehen die Ermittler von einem Gewaltverbrechen aus. Die meisten Vermissten gibt es in Wien (280, Stand 5. März 2015), die wenigsten im Burgenland (11, Stand 5. März 2015). Vor allem im alpinen Gebieten ist die Zahl der Vermissten in den Bundesländern auf ähnlich hohem Niveau. Auch hier will man in Zukunft aufgrund der vielen Alpinunfälle mit Hilfsorganisationen wie Bergrettung zusammenarbeiten. Auch in Gewässern wie großen Seen oder reißenden Flüssen verschwinden Menschen immer wieder und tauchen meist gar nicht mehr auf. Ein Ermittler aus Vorarlberg etwa geht davon aus, das aus dem Dreiländereck rund 100 Menschen für immer im Bodensee verschwunden sind.

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