2015/16: “Kapitalismus-Klammer” für Theater in der Josefstadt

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Theater in der Josefstadt-Direktor Föttinger während einer Pressekonferenz zum Thema "Spielzeit 2015/16
Theater in der Josefstadt-Direktor Föttinger während einer Pressekonferenz zum Thema "Spielzeit 2015/16 - © APA
Seine zehnte Spielplan-Pressekonferenz gab Herbert Föttinger, seit 2006 amtierender Direktor des Theaters in der Josefstadt, heute Vormittag nicht in der Josef-, sondern in Donaustadt. In der Aspernstraße gibt es seit 23 Jahren ein Kulissen- und Requisitendepot des Hauses, seit vergangenem Herbst wird es nach einem Umbau auch als Probebühne genützt.

“Es waren sehr erfolgreiche zehn Jahre”, zeigte sich Föttinger überzeugt. “Ich glaube, dass uns einiges gelungen ist in diesen zehn Jahren.” Das soll auch durch ein 132-seitiges Buch untermauert werden, das “Höhenflüge und Zwischenlandungen” der ersten zehn Jahre seiner Direktion in Wort und Bild dokumentiert. Auch baulich seien alle Vorhaben gelungen. “Eines fehlt noch: Die Renovierung der Werkstätten, das wollen wir noch angehen. Dann haben wir alles erledigt.” Zwischen 900.000 und einer Mio. Euro werde das Projekt kosten, das “rein aus Donationen” getragen werden soll.

Theater in der Josefstadt trifft auf Probebühne

Der Auftritt von Föttinger und dem kaufmännischen Geschäftsführer Alexander Götz (Stiftungsvorstand Günter Rhomberg verspätete sich um 45 Minuten) erfolgte via Drehbühne, denn die via U2 nur 19 Minuten von der Station Rathaus entfernte Probebühne spielt alle Stück’ln – Original-Bühnendimension und Drehscheibe inklusive. “Wir könnten, wenn wir wollten, hier Theater spielen. Das wollen wir im Moment nicht.”

Ökonomiefrage und Kapitalismuswahnsinn

Was Föttinger dagegen will: an den beiden Spielstätten Josefstadt und Kammerspiele erfolgreiches Theater machen. Unmittelbar nach der Pressekonferenz erfolgte der Probenbeginn zur Eröffnungspremiere der Saison 2015/16, “Vor Sonnenuntergang” von Gerhart Hauptmann. “Es ist ein Stück, das aufgrund von Ökonomiefrage und Kapitalismuswahnsinn sehr in unsere Zeit passt”, meinte der Direktor, der darauf hinwies, dass die Saison mit “Die kleinen Füchse” von Lillian Hellman auch mit einem “kalten Stück über den Wahnwitz über des Kapitalismus” beendet werde: “Das ist die Kapitalismus-Klammer.”

“Erstarrte österreichische Seelenlandschaft”

Innerhalb dieser Klammer finden sich u.a. das Josefstadt-Regiedebüt von Anna Bergmann – das “Fräuleinwunder des deutschen Theaterbetriebs” (SZ) inszeniert “Fräulein Julie” -, ein “Anatol” aus der Sicht zweier alter Männer (die Titelfigur übernimmt Helmuth Lohner als Anatol, den Max wird nicht Peter Weck, sondern Peter Matic spielen), eine Uraufführung von Thomas Arzt (“Totes Gebirge”) über “die verwüstete, erstarrte österreichische Seelenlandschaft” oder “Auslöschung” von Thomas Bernhard in einer Bühnenfassung des designierten BE-Intendanten Oliver Reese mit gleich vier Franz-Josef Muraus (Udo Samel, Martin Zauner, Wolfgang Michael, Christian Nickel).

Hommage an Jazzlegende Billie Holiday

In den Kammerspielen inszenieren u.a. Werner Sobotka “La Cage aux Folles” als Gegenwartsstück (Michael Dangl spielt Zaza), Torsten Fischer die Hommage an Jazzlegende Billie Holiday “Blue Moon” und Alexandra Liedtke Florian Zellers Alzheimer-Stück “Vater” mit Erwin Steinhauer in der Rolle des Vaters und Gerti Drassl als Tochter.

Die Josefstadt proklamiert

“Die Josefstadt meint: Hier tobt der Hass und brennt die Liebe. In erlesenen Worten”, hieß es auf der Probebühne über dem Leitungsteam auf großen Schriftplakaten. “Die Josefstadt proklamiert: Theater ist für alle da. Auch für Andersgläubige. Die Josefstadt meint: Der Glaube kann ruhig groß sein. Wenn es die Vernunft auch ist. Die Josefstadt fragt: In Österreich reichen die Schnitzel über den Tellerrand. Der Blick auch?”

Hilfe der Subventionsgeber

Der Vertrag von Föttinger reicht nach der jüngsten Verlängerung bis 2021, das Geld jedoch nicht mehr lange: “Wir stehen sehr gut da, aber das heißt nicht, dass wir ohne Hilfe der Subventionsgeber das Haus so weiterführen können wie wir möchten”, so der Direktor. Man hat zwar heute rund 30 Mitarbeiter weniger als vor zwei Jahren, doch für anstehende Kollektivvertragserhöhungen braucht man unbedingt Zusatzmittel (derzeit: 7,4 Mio. Euro von Wien, 6,4 Mio. vom Bund). Vom Bund gebe es eine Zusage über ein Plus von 200.000 Euro, unter der Voraussetzung, dass die Stadt Wien mit 250.000 Euro mitziehe, was aber leider noch nicht akkordiert werden konnte. “Wir gehen nicht in bessere Zeiten, die Herausforderungen werden eher steigen”, meinte Rhomberg.

Verkaufsrückgänge auffangen

Laut Götz liegen die aktuellen Einnahmen knapp über dem Vorjahr. Es werden 8,23 Mio. Euro Kartenerlöse und knapp 300.000 Besucher in 660 Vorstellungen erwartet, was eine Auslastung von 85 Prozent in der Josefstadt und 92 Prozent in den Kammerspielen bedeutet. Der Eigenfinanzierungsgrad liege mit knapp 40 Prozent “wesentlich über dem Wert der anderen großen deutschen Sprechtheater”. Auch heuer erwarte man wieder ein ausgeglichenes Ergebnis, doch fehlten im Vergleich zu früher durch nicht geleistete Indexanpassungen 2 Mio. Euro jährlich. “Wenn die Subventionen nicht an die Inflation angepasst werden, wird das nicht nur bei uns, sondern im gesamten Kulturbereich beträchtliche Probleme schaffen”, sagte Götz. Die Kartenpreise werden durchschnittlich etwas stärker als die Mehrwertsteuer-Erhöhung angehoben, um etwaige Verkaufsrückgänge aufzufangen.

 Ein kämpferischer Herbert Föttinger

“Wir können das Theater nicht zu Tode sparen”, gab sich Föttinger kämpferisch und kündigte für 2016/17 neue Stücke u.a. von Daniel Kehlmann, Peter Turrini und Felix Mitterer an: “Der Uraufführungs-Reigen wird weitergehen.”

(APA/Red.)

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