200 Jahre Familienbetrieb: Die Geschichte des Wiener Edel-Schuhmachers Scheer

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Einblick in die Arbeit beim Wiener Edel-Maßschuhmacher Scheer.
Einblick in die Arbeit beim Wiener Edel-Maßschuhmacher Scheer. - © APA/Helmut Fohringer
Der 1816 gegründete Wiener Maßschuhmacher-Betrieb Scheer feiert heuer sein 200-jähriges Jubiläum. Eine Zeitreise.

“K. und K. Hof-Schuhmacher” steht immer noch in großen, goldenen Lettern über den hohen Schaufenstern der Firma Rudolf Scheer & Söhne in der noblen Wiener Bräunerstraße. Drinnen ruhen in alten Vitrinen im nussholzvertäfelten Foyer die Schuhleisten von Kaiser Franz Joseph. Im Jahr 1816 gegründet, begeht der Familienbetrieb heuer sein 200-jähriges Jubiläum.

Firmenbegründer Johann Scheer wollte nicht wie der Vater Weinbauer werden. Seine Schuhmacherwerkstätte machte er im Bezirk Landstraße auf. Seine Nachkommen erbten die Liebe zum Leder, der Betrieb wurde von da an von Generation zu Generation fortgeführt. Sein Enkel Rudolf bezog das Atelier im Gründerzeithaus in der Bräunerstraße, die zu dieser Zeit die Meile der Schneider und Schuhmacher war. 1878 wurde er zum kaiserlich-königlichen Hoflieferanten erwählt. Der Leisten von Franz Josef wird – nebst 4.000 bis 5.000 weiteren – heute noch wie ein Schatz gehütet, und auch jene der zahlreichen weiteren adeligen oder prominenten Kunden wie des Malers Jörg Immendorff. Namen der lebenden Klientel werden diskret nicht genannt.

1914 umfasste die Produktpalette Damen- und Herrenschuhe, Militärstiefel, Skischuhe aus Seehundsleder und Gamaschen. Dass die hinteren Räume bis heute Wohncharakter haben, geht auf Auguste Scheer zurück, die in den 1920er-Jahren die Leitung übernahm und zwecks besseren Überblicks dort einzog. Noch heute stammt ein Großteil der Möbel in der Werkstätte aus dieser Zeit, Sternparkett und nostalgische Tapeten inklusive. Im Zweiten Weltkrieg überlebte das Unternehmen durch die Herstellung orthopädischer Artikel.

Maßschuhmacher Scheer heute: Zwischen Tradition und Zukunft

Heute führt Markus Scheer den Betrieb in siebenter Generation. Das Handwerk hat er von seinem Großvater gelernt, mit dem er den Betrieb zunächst Seite an Seite führte. Carl Ferdinand Scheer wurde 92 Jahre alt, schlussendlich übernahm der Enkel im Jahr 2011.

Dieser führt den Betrieb mit viel Bedacht auf das Erbe, aber mit Blick auf die Zukunft: Im Erdgeschoß des Hauses hat er das Handwerk der Taschnerei wiederbelebt. In den historischen Räumlichkeiten gibt es nun auch Accessoires und Lederartikel wie Taschen, Koffer, Gürtel und sogar Handyhüllen, auf Wunsch passend zu den Schuhen aus dem ersten Stock, die dort von zehn Handwerkern gebaut werden. Wie zum Ende des 19. Jahrhunderts rattern in den verwinkelten Räumen die Singer-Nähmaschinen, während das feuchte Leder geklopft und genäht wird. Der Leitsatz “Hauptsach’, die Schuh passen” gilt heute noch.

(APA, Red.)

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