17-Jähriger erstach Familienvater nach AMS-Kurs: 12 Jahre Haft

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Der Tatort in Wien-Liesing.
Der Tatort in Wien-Liesing. - © APA
Ein 17-jähriger Bursch, der nach einem AMS-Kurs in Wien-Liesing einen 31 Jahre alten Familienvater erstochen hat, ist am Donnerstag im Straflandesgericht einstimmig wegen Mordes schuldig gesprochen worden. Er wurde zu zwölf Jahren haft verurteilt.

Die vom Jugendlichen behauptete Notwehr-Situation wurde von den Geschworenen einhellig verworfen. Das Urteil ist bereits rechtskräftig.

Bei der Strafbemessung wertete das Schwurgericht die “heimtückische Begehungsweise” und den “hohen Erfolgsunwert der Tat” besonders erschwerend. “Wir sind davon ausgegangen, dass er dem Opfer aufgelauert und einen völlig überraschenden Angriff gesetzt hat”, erläuterte Richter Norbert Gerstberger in der Urteilsbegründung. Besonders tragisch sei außerdem, dass das Opfer – ebenso wie der Täter ein gebürtiger Afghane – vor religiösem Fundamentalismus geflüchtet sei “und dann von religiösem Fundamentalismus eingeholt worden ist”. Bei einem Strafrahmen von bis zu 15 Jahren erscheine die verhängte Strafe angemessen, “weil wir nicht tolerieren, dass man aus religiösem Wahn eine Bluttat begeht. Das ist unakzeptabel in unserer Gesellschaft”, bemerkte Gerstberger. Sowohl Verteidiger Martin Mahrer als auch der Staatsanwalt waren mit dem Urteil einverstanden.

Streit beim AMS-Kurs

Der 17-Jährige war Ende 2013 gemeinsam mit seiner Mutter und seiner Schwester nach Wien gekommen, wohin sich sein Vater schon einige Zeit zuvor geflüchtet hatte. Hier lernte der Jugendliche lesen und schreiben, ab Dezember 2014 besuchte er nebenbei einen Deutschkurs beim AMS, wo er einen sehr lernbegierigen Eindruck machte. Dort traf er auf sein späteres Opfer, der mit Leidenschaft musizierte. Daran entzündete sich ein Streit, denn der Jugendliche meinte, der Koran würde keine Musik erlauben. Der 31-Jährige – im Unterschied zum Burschen offensichtlich kein strenggläubiger Muslim – zog diese Gesinnung ins Lächerliche, soll den Jugendlichen bzw. dessen Eltern beleidigt und sich vor allem abfällig über den Koran geäußert haben.

“Mit der Beleidigung meiner Eltern kann ich gerade noch umgehen, aber die Religion ist mir sehr wichtig”, gab der 17-Jährige später zu Protokoll, als er nach der Bluttat festgenommen und von der Polizei befragt wurde. Wie die ihn vernehmende Polizistin am heutigen Verhandlungstag als Zeugin erklärte, hatte ihr der Bursch gestanden, bereits am Heimweg nach dem Streitgespräch daran gedacht zu haben, den 31-Jährigen “mit einem Messer fertigzumachen”. “Er empfand keine Reue”, erinnerte sich die Kriminalbeamtin. Auf die Frage, ob ihm das Geschehene nicht leidtue, erwiderte der 17-Jährige ihr zufolge: “Das weiß Allah. Ich war sehr aufgebracht.” Es habe während der gesamten Befragung “in keiner Minute einen Zweifel gegeben, dass es nicht vorsätzlich gewesen wäre”, bemerkte die Polizeibeamtin.

Geschworene glaubten nicht an Notwehr

Im Unterschied zu seiner bisherigen Verantwortung hatte der Angeklagte beim Prozessauftakt Ende September behauptet, er habe in Notwehr gehandelt. Der 31-Jährige habe ihn am Tag nach dem Streit angegriffen, er habe sich lediglich zur Wehr gesetzt. Laut gerichtsmedizinischem Gutachten wurde der 31-Jährige mit 17 Schnitt-und Stichverletzungen zu Tode gebracht, wobei die einzelnen Verletzungen für sich genommen nicht lebensgefährlich waren. Infolge der Vielzahl der Wunden verlor der 31-Jährige allerdings binnen kürzester Zeit drei Liter Blut – er starb noch am Gang vor dem Klassenraum und wäre selbst dann nicht zu retten gewesen, wenn zufällig ein Notarzt zur Stelle gewesen wäre.

Die Witwe des Getöteten widersprach bei ihrem heutigen Zeugenaufritt der behaupteten Notwehr-Situation. Ihrer Aussage zufolge wurde ihr Mann attackiert, während er mit ihr telefonierte. Der Mann habe ihr am Telefon ein Lied vorgesungen, als er plötzlich und unvermutet abbrach und einen lauten Schrei ausstieß. Am Ende ihrer Einvernahme, als sie erwähnte, dass ihr jüngstes Kind erst drei Monate alt war, als der Vater starb, brach die Zeugin unter Tränen zusammen und musste von einem Begleiter aus dem Gerichtssaal geleitet werden. Sie sei “von diesen religiösen Fanatikern hierher geflüchtet”, schluchzte die Frau.

Mord nach AMS-Kurs: 17-Jähriger zu 12 Jahren Haft verurteilt

Dem Jugendlichen, der mit zwei Messern in den AMS-Kurs gegangen war und mit einem 25 Zentimeter langen Keramikmesser zugestochen hatte, war nach der Bluttat die Flucht gelungen. Mehr oder weniger orientierungslos bewegte er sich in den folgenden Tagen quer durchs Bundesgebiet. Eine Woche später wurde der mit Europäischem Haftbefehl Gesuchte auf der Südautobahn (A2) gesichtet, als er beim Knoten Vösendorf am Pannenstreifen Richtung Wien marschierte. Asfinag-Mitarbeiter griffen den 17-Jährigen auf und übergaben ihn der Polizei.

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