135 Jahre Brand des Wiener Ringtheaters: Fast 400 Tote am 8. Dezember 1881

Eine Darstellung vom Brand des Wiener Ringtheaters
Eine Darstellung vom Brand des Wiener Ringtheaters - © MA 68 Feuerwehrmuseum
135 Jahre liegt einer der furchtbarsten und folgenschwersten Großbrände des 19. Jahrhunderts zurück: jener des Wiener Ringtheaters am 8. Dezember 1881. Die Wiener Berufsfeuerwehr wirft einen Blick zurück auf ein dunkles Kapitel Wiener Geschichte.


Der Bau des Ringtheaters – zum Teil mit Mitteln der Wiener Aktien Gesellschaft – wurde 1873 fertiggestellt. Das Theater trug einige Jahre den Namen „Komische Oper“. Vom Architekten Emil Ritter von Förster war das Gebäude auf einer Fläche von nur 45,4 x 38,7 Meter geplant worden.

Wiener Ringtheater: Enger Bau barg Gefahren

Aus diesen Gründen musste das Theater vor allem in die Höhe konstruiert werden. Die Verkehrswege, Garderoben, Treppenhäuser und Verbindungswege konnten nur sehr eng angelegt werden. Parterre, Ränge und Galerien waren über niedrige Gänge und verwinkelte Treppen zu erreichen. Vor allem aber gingen die gesamten Türen des Zuschauerraumes, welcher 1760 Besucher fasste, nach innen auf.

Als Trennung des Zuschauerhauses vom Bühnenhaus gab es bereits eine Drahtkurtine, die Vorläuferin des „Eisernen Vorhanges“. Das Gebäude verfügte über eine Stadtgasbeleuchtung mit rund 1200 Flammen, diese Soffittenbeleuchtung wurde mittels Elektrizität entzündet. Der Haupteingang des Theaters befand sich am Schottenring und war für das Parterre und Logenpublikum vorgesehen. Die Galerien erreichte man von der Hessgasse aus. Für Mitglieder des Kaiserhauses gab es einen eigenen Zugang in der Maria-Theresienstraße.

8. Dezember 1881: Ausverkaufte Aufführung am Schicksalstag

Mit der Oper „Der Barbier von Sevilla“ wurde am 17. Jänner 1874 die „Komische Oper“ eröffnet. Mit Schwierigkeiten, die sich über mehrere Jahre hinzogen und nach mehreren Direktionswechseln, entschloss man sich das Haus an den Stadterweiterungsfond weiterzugeben. Zusammen gezählt ergaben die Spieltage bis 1881 nur rund zwei Jahre.
Vom 7. September 1881 an wurde die Spielstätte als „Wiener Ringtheater“ geführt. Am 1. Oktober 1881 verpachtete man das Haus an Direktor Franz von Jauner. Gleichzeitig erließ man Bestimmungen und Auflagen, die der Sicherheit der Besucher dienen sollten. Jauner konnte aber nicht mehr alle behördlich vorgeschriebenen Änderungen durchführen. Er teilte als erste Maßnahme die Sitzreihen und ließ das Stehparterre entfernen.

Mit der Premiere von Offenbachs Oper „Hoffmanns Erzählungen“ am 7. Dezember 1881 einen Tag vor der großen Katastrophe, stellte sich der lang ersehnte Publikumserfolg ein. Die zweite Aufführung am Abend des 8. Dezember 1881 war ausverkauft.

Brand auf der Bühne bei Entzünden der Gasbeleuchtung

Um 18.40 Uhr kurz vor Vorstellungsbeginn brach bei der Entzündung der vierten Soffittenreihe auf der Bühne der Brand aus. Man beging nun eine Reihe von verhängnisvollen Fehlern. Statt die Gaszufuhr zu den Brennern sofort zu schließen, ließ man ungehindert weiter Gas in die Aufsatzrohre einströmen. Es kam zur Explosion des Beleuchtungskastens. Dekorationsstücke fingen Feuer und der Brand breitete sich bis zum Schnürboden aus. Die Drahtkurtine wurde nicht geschlossen, die Zuschauer nicht gewarnt und der Brandmelder nicht betätigt.

Nach unkoordinierten Löschversuchen durch das Personal flüchtete man durch die an der Rückseite des Bühnenhauses befindliche Bühnenrolltüre. Damit entfachte sich durch das plötzliche Überangebot an Sauerstoff ein regelrechter Feuersturm, der den Bühnenvorhang bis an die Decke des Zuschauerhauses schleuderte. Es stand in kurzer Zeit auch der gesamte Zuschauerraum in Flammen.

Licht erlosch im Ringtheater – Panik brach aus

Durch das jetzt durchgeführte Absperren der Hauptregler zum Gas, erloschen gleichzeitig alle Beleuchtungskörper im Zuschauerraum, den Stiegen und Gängen. Die vorgeschriebene Notbeleuchtung war noch nicht montiert worden.
Aufgrund der Finsternis, der Hitze und Rauchentwicklung durch den Brand, entstand unter den Besuchern totale Panik. Nur wenige erreichten von den oberen Rängen die Straße da die Flucht oft vor verschlossenen oder mit Menschenknäueln verstopften Türen endete.

Folgenschwere Falschmeldung der Polizei: „Alles gerettet!“

Eine folgenschwere Falschmeldung des Polizeirats Anton Landsteiner an die Erzherzöge Albrecht und Wilhelm, die am Schottenring standen, lautete „Alles gerettet!“. Daraufhin durfte auf längere Zeit niemand das brennende Gebäude betreten und jedermann wurde von Wachmännern daran gehindert. Der Zwiespalt zwischen Hörigkeitsdenken und Rettungsaktivität kostete sicher vielen Menschen das Leben.

Beim Eintreffen der Feuerwehr, welche zu spät und lediglich zu einem Dachbrand alarmiert wurde, rettete dann noch etwa 130 Personen mittels eines Sprungtuches – es war das einzige zu dieser Zeit. Auch über eine Streck- und Schubleiter konnten weitere 70 Menschen in Sicherheit gebracht werden .Das Vordringen mit Fackeln in die oberen Galerien des Theaters scheiterte vorerst am Erlöschen derselben, dem Vorhandensein giftiger Gase und der großen Hitze in den Gängen. Einige Zeit später, als man in die Stiegenaufgänge vordringen konnte, fand man nur mehr leblose Körper vor.
Als um 21.45 Uhr die Kuppel des Theaters einstürzte, wurde alles brennbare Material von den Flammen erfasst. Die Feuerwehr beschränkte ihre Tätigkeit auf den Schutz der Umgebung und ab 24.00 Uhr nur mehr der Bekämpfung von Glutnestern.

Ringtheater-Brand: Fast 400 Theaterbesucher verbrannt oder erstickt

Die erste Zeitungsmeldung des nächsten Tages lautete: “1000 Tote im Wiener Ringtheater”. Diese Zahl bewahrheitete sich aber nicht. Der Brand kostete aber trotzdem mindestens 386 Menschen das Leben, durch eine Verkettung von unglücklichen Zufällen und der noch nicht komplett durchgeführten Maßnahmen zur Sicherung der Theaterbesucher.
Die Begräbnisfeierlichkeiten begannen am Montag der darauffolgenden Woche erstaunlicherweise unter Teilnahme von Militär mit aufgepflanztem Bajonett. Man hatte möglicherweise Unruhen befürchtet. Auf jeden Besucher der Zeremonie kamen zwei Soldaten.

Die letzte Ruhestätte der Opfer des Brandes befindet sich in Wiens größtem Friedhof, dem Zentralfriedhof beim 2. Tor.
Die Anzahl der Toten konnte nie zuverlässig ermittelt werden Die Angaben schwanken in der Sekundärliteratur zwischen 384 und 896. Durch das unexakte Meldewesen und die damals geringen Möglichkeiten der Gerichtsmedizin wird man nie eine genaue Zahl feststellen können.

Ringtheaterbrand als Wendepunkt bei Brandschutz und Rettungswesen

Nach dem Brand des Ringtheaters erkannte man, wie wichtig der vorbeugende Brandschutz in Gebäuden und Veranstaltungsstätten mit großen Menschenansammlungen ist Es wurden unter anderem nachfolgende Maßnahmen ergriffen: Die Feuerwehr Wien wurde aus dem Stadtbauamt ausgegliedert und von dem Zeitpunkt an als selbständige Abteilung angesehen.

Einen Tag nach dem Großbrand erfolgte die Gründung der Wiener freiwilligen Rettungsgesellschaft durch Graf Lamezan, Dr.Mundy und Graf Wilczek. Sie befand sich bis 1899 im ersten Wiener Gemeindebezirk und übersiedelte in diesem Jahr an die Adresse Wien 1030., Radetzkystraße, wo sie sich heute noch die Zentrale der Berufsrettung Wien befindet.

Heutige Sicherheitsmaßnahmen in Theatern und Co.

In den Veranstaltungsstätten findet seither eine Stunde vor Beginn der Vorstellung eine amtliche Begehung durch Polizei, Feuerwehr und Theatertechnikern statt. Während des Ablaufs der Vorstellung verbleiben je nach Bauweise des Theaters Sicherheitskräfte der Polizei und der Feuerwehr in der Veranstaltungsstätte. Gleichzeitig wurden gesetzlich unter anderem folgende bauliche Maßnahmen vorgeschrieben:
a.) Die Beleuchtung muss durch zwei unabhängige Lichtquellen erfolgen.
b.) Die Türen müssen nach außen aufgehen und von innen durch einfache Betätigung zu öffnen sein.
c.) Die an der Innenseite der Stiegenhäuser befindlichen Handläufe sollen durchgehend bis zu einer Tür führen, durch die man ins Freie gelangt.
d.) Die Stiegenab- und Zugänge von verschiedenen Rängen dürfen nicht ineinander münden.
e.) Bilder, Spiegel etc. müssen unverrückbar befestigt sein.
f.) Die Sitzflächen im Zuschauerraum müssen automatisch hochklappen.
g.) Rauchen ist nur in dafür vorgesehenen Räumen erlaubt.
h.) Die Kurtine (Eiserner Vorhang) muss von zwei unabhängigen Stellen zu bedienen sein.
i.) Für Löschvorkehrungen (Wandhydranten) muss gesorgt sein.
j.) Alle im Verlauf des amtlichen Rundganges vorgefundenen Missstände müssen sofort beseitigt werden.

Der Ringtheaterbrand ist als der Wendepunkt des österreichischen, wenn nicht des europäischen Sicherheitsdenkens in Verbindung mit öffentlichen Veranstaltungsstätten anzusehen.

Sühnhaus am Schottenring 7: Unterstützung für Witwen und Waisen

Im Jahre 1885 erbaute man am Platz des ehemaligen Ringtheaters das Sühnhaus (Architekt Friedrich v. Schmidt). Mit den Erträgen wurden Witwen und Waisen (Hinterbliebene des Brandes) unterstützt. Einer der ersten Mieter für die Dauer von sechs Jahren war Sigmund Freud. Das Gebäude wurde im zweiten Weltkrieg stark beschädigt und danach abgerissen. An dieser Stelle befindet sich heute die Wiener Polizeidirektion.

Im Archiv des Wiener Feuerwehrmuseums befinden sich noch einige Gegenstände wie Eintrittskarten, Theaterzettel der Vorstellung von „Hoffmanns Erzählungen“ am 8. Dezember 1881, eine Gedenkmedaille, das Rücktrittsschreiben von Theaterdirektor Jauner uvm. welche nach dem Brand gespendet wurden.

Gedenken an Opfer unter anderem im Feuerwehrmuseum

Als man im Jahre 1931 eine Gedenkfeier anlässlich 50 Jahre Ringtheaterbrand abhielt, wurden von überlebenden Personen des Geschehens persönliche Briefe, die sich mit dem Ereignis beschäftigten, der Wiener Berufsfeuerwehr überlassen.

Die beiden hölzernen Eingangstüren des Theaters, die an der Seite der Heßgasse angebracht gewesen waren und ein lachendes und ein weinendes Gesicht zeigen, waren lange Zeit in Ottakring als Haustüren eingebaut. Danach kamen sie in das Bezirksmuseum Innere Stadt, wo man sie jetzt besichtigen kann.

Die vier Steinfiguren, die den Balkon des Theaters zierten von dem etwa hundert Personen gerettet werden konnten, stehen heute im Pötzleinsdorfer Schlosspark. Sie stellen das „Musikalische Quartett“ Bass, Alt, Tenor und Sopran dar. Im Missionshaus St. Gabriel in Mödling befinden sich einige Säulen aus Marmor die sich bis zum Brand des Theaters in diesem Gebäude befanden.

Am 8. Dezember 2016 startet der Dokumentar-Film “Sühnhaus” der österreichischen Filmemacherin Maya McKechneay im DeFrance Kino und Metrokino. Es geht um den Ringtheaterbrand, das Sühnhaus an derselben Adresse und Orte des Vergessens. Mehr zu “Sühnhaus” lesen Sie hier.

>>Mehr Infos zum Feuerwehrmuseum Wien

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