Nach Auseinandersetzung im Straßenverkehr: Skurriler Prozess in Wien

Der 19-jährige Wiener wurde rechtskräftig verurteilt.
Der 19-jährige Wiener wurde rechtskräftig verurteilt. - © APA (Sujet)
Ein 19-jähriger Mann ist nach einer tätlichen Auseinandersetzung im Straßenverkehr am Freitag am Wiener Landesgericht für Strafsachen wegen Körperverletzung rechtskräftig zu vier Monaten bedingt verurteilt worden. Er ließ sich von einer Mopedlenkerin provozieren, die ihm die Leviten lesen wollte und versetzte ihr einen Faustschlag und einen Kick gegen den Oberschenkel.

Das inkriminierte Geschehen spielte sich am 21. Juni 2016 auf der Wagramer Straße in der Donaustadt ab. Der kaufmännische Angestellte soll mit seinem BMW auf der mehrspurigen Fahrbahn der Mopedlenkerin zu nahe gekommen sein. Sie fühlte sich von ihm jedenfalls bedrängt und wollte ihn deshalb zur Rede stellen. Sie fuhr ihm daher nach und schwindelte sich an ihm vorbei, als an einer Kreuzung die Ampel Rot zeigte. Dann sprang sie von ihrem Gefährt und lief zu dem BMW zurück.

BMW-Fahrer soll Mopedlenkerin angespuckt haben

“Was der gemacht hat, war gelebtes Nichteinsichts-Empfinden. Das kann man so nicht stehen lassen”, erläuterte die Frau nun Richterin Alexandra Skrdla zu ihren Beweggründen. Sie habe den Burschen auf seine gefährliche Fahrweise aufmerksam machen wollen: “Das muss er erkennen, dass er in einer Waffe sitzt.”

Der junge Mann habe sie allerdings über den Beifahrersitz hinweg durch das geöffnete Seitenfenster angespuckt: “Der Schleim ist am Leiberl runter geronnen.” Sie habe das T-Shirt mitgebracht, echauffierte sich die Zeugin und kramte prompt ein schwarzes Leiberl hervor, auf dessen nähere Inspektion die Richterin verzichtete.

Ein unbeteiligter Zeuge sah das Spucken nicht, bemerkte allerdings, dass die Frau wild gestikulierend mit ihrer Hand ins Fahrzeuginnere langte, wie der Mann der Richterin schilderte. Die Mopedlenkerin soll den 19-Jährigen an der Oberlippe getroffen haben. Der BMW-Fahrer stieg darauf aus. “Ich war überrumpelt von dem Ganzen. Ich hab’ mich viel zu sehr provozieren lassen”, gab der von Verteidiger Alexander Philipp vertretene Bursch zu. Er habe der Frau einen Stoß gegeben, dann auch noch ein Mal hingetreten: “Ich weiß, dass es nicht richtig war. Es tut mir leid, ich bereue es. Ich war überfordert.”

“Henker” soll Frau “wie der Obelix hin- und hergebeutelt” haben

“Er hat mir die Faust ins Gesicht geschlagen und mich zu Boden geschmettert. Tritte und Kicks sind auf mich eingehagelt”, gab dagegen die Frau zu Protokoll. Der junge Mann – ihrer Ansicht nach “ein richtiger Henker” – habe sie “wie der Obelix hin- und hergebeutelt. Es hat mich ein paar Mal überschlagen”. Sie habe Prellungen, ein kinderkopfgroßes Hämatom am Oberschenkel und Zerrungen am Nacken und am linken Handgelenk erlitten: “Gott sei Dank hab’ ich eine Lederhose angehabt. Daher hatte ich keine Abschürfungen. Es ist nur nicht mehr passiert, weil ich Gott sei Dank gut trainiert bin und mich abfedern konnte.”

Für die psychischen Folgen machte die Frau allerdings ein Schmerzensgeld von 10.000 Euro geltend. Sie habe seither Albträume und Schlafstörungen. Nachts erscheine ihr immer wieder das Antlitz des Angeklagten mit dessen “total bissigem Mund” und “ganz argen blauen Augen, die einen Irrsinn, pure Raserei ausgedrückt haben”. Das sei “nicht leiwand”, betonte die Zeugin. Vor wenigen Tagen habe sie ihre “Vitaluhr gecheckt. Ich war entsetzt, dass ich in den letzten 14 Tagen nur auf fünf bis sechs Stunden Schlaf gekommen bin”.

Urteil nach Prozess in Wien

“Hat sich das auf Ihren Beruf ausgewirkt?”, hakte die Richterin nach. “Ich bin frühpensioniert”, erwiderte die Frau. – “Mit 53?” – “Ich war eine sehr engagierte Lehrerin. Da kann man ausbrennen”. Bereits 2009 habe sie mit einem Burn-Out einen längeren Krankenstand angetreten und sei schließlich berufsunfähig geschrieben worden. Der Vorfall mit dem Burschen habe sie dann wieder derart mitgenommen, dass sie sich in Kroatien und später mehrere Wochen in Thailand regenerieren habe müssen, erzählte die aus der Bahn geworfene Lehrerin: “Dort hab’ ich meditiert, Yoga gemacht und mein seelisches Gleichgewicht gesucht.”

Ganz dürfte sie dieses nicht gefunden haben, wie aus dem Gutachten des beigezogenen psychiatrischen Sachverständigen hervorging. Der bescheinigte der 53-Jährigen “auffallende Persönlichkeitszüge mit einer histrionischen Färbung”. Außerdem neige sie zu “theatralischer Präsentation”. Dessen ungeachtet hätte das Erlebte bei der Pädagogin eine leichtgradige posttraumatische Belastungsstörung mit mehrmonatiger Dauer bewirkt, führte der Experte aus.

Auf Basis dessen wurde der Angeklagte nicht – wie ursprünglich angeklagt – wegen schwerer Körperverletzung verurteilt. “Ich kann eine gewisse Provokation durch das Opfer nicht ausschließen”, stellte die Richterin außerdem in ihrer Urteilsbegründung fest. Die 53-Jährige bekam 1.000 Euro zugesprochen, die der Bursch noch im Verhandlungssaal auf den Tisch blätterte, “damit es ihr bald besser geht”. Mit dem Rest wurde die Frau auf den Zivilrechtsweg verwiesen.

(APA/Red)

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