Wien-Neubau: Grüner Bezirksvorsteher Thomas Blimlinger tritt zurück

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Der langjährige Neubau-Bezirkschef Blimlinger nimmt den Hut
Der langjährige Neubau-Bezirkschef Blimlinger nimmt den Hut - © APA/KAROLIN PERNEGGER
16 Jahre lang übte er das Amt des Bezirksvorstehers in Wien-Neubau aus – nun tritt Grünen-Politiker Thomas Blimlinger zurück. Ihm soll Markus Reiter, Geschäftsführer der Obdachloseneinrichtung Neunerhaus, nachfolgen.

Wiens erster Grüner “Bezirkskaiser”, Thomas Blimlinger, dankt ab. Dies berichten “Wiener Zeitung” und “Standard” (Mittwoch-Ausgaben). Der 60-Jährige wird sein Amt Anfang November zurücklegen.

Rücktritt von Blimlinger als Bezirksvorsteher schon länger geplant

Blimlinger habe schon länger geplant, sich aus der Politik zurückzuziehen. Uneinigkeit mit Landesparteichefin Maria Vassilakou soll demnach kein Grund für den Rückzug sein. Über die näheren Hintergründe soll die Öffentlichkeit am Mittwochvormittag informiert werden, hieß es weiters.

“Zeit für einen Generationenwechsel”

“Ich denke, dass es Zeit ist für einen Generationenwechsel, und werde mein Amt mit Ende November niederlegen”, bestätigte der Neubauer Bezirksvorsteher am Mittwoch in einer kurzfristig angesetzten Pressekonferenz diesbezügliche Medienberichte. Nachfolger wird Markus Reiter, Geschäftsführer der Sozialeinrichtung “neunerhaus”.Blimlinger, der im Jänner seinen 60. Geburtstag feierte, freute sich, sein Amt in “äußerst kompetente und verlässliche Hände” übergeben zu können. Der studierte Volkswirt und ehemalige Trafikant steht Neubau seit 2001 vor. Mit parteiinternen Querelen habe sein Rückzug nichts zu tun, versicherte der scheidende Vorsteher.

“Gäbe sicher einen besseren Zeitpunkt”

Die Wiener Grünen verlieren mit dem angekündigten Abgang Blimlingers ein durchaus bekanntes Zugpferd – und das zweieinhalb Wochen vor der Wahl. “Es gäbe sicher einen besseren Zeitpunkt für einen solchen Schritt”, räumte der scheidende Bezirkschef ein. Aber er habe sich aufgrund der am Dienstag durchgesickerten Infos dazu entschieden, in die Offensive zu gehen. Für den Rückzug habe er sich schon im Frühjahr entschieden, versicherte der 60-Jährige am Mittwoch. Mit parteiinternen Streitigkeiten habe sein Abgang insofern nichts zu tun – ebenso wenig wie mit einer “schweren Erkrankung”, die er vor neun Jahren überstanden habe.

“Aber noch bin ja ich nicht weg”, in den Tagen bis zum Urnengang am 15. Oktober werde er sich mit aller Kraft für die Grünen im Wahlkampf einsetzen. Und auch bis zur Amtsübergabe am 30. November – sie erfolgt in einer außertourlichen Sitzung des Bezirksparlaments – werde er sich seine ganze Energie in die Bezirksarbeit stecken, versprach er.

Markus Reiter folgt als Bezirkschef nach

Als designierten Nachfolger präsentierte Blimlinger heute Markus Reiter, Geschäftsführer von “neunerhaus” – einer in Margareten ansässigen Sozialeinrichtung, die Menschen ohne Dach über dem Kopf bei der Wohnungssuche unterstützt und kostenlose Gesundheitsversorgung anbietet. Neuland ist die Politik für den 46-Jährigen allerdings nicht. Seit 2001 hat er – obwohl nicht im siebten Bezirk wohnhaft – für die Neubauer Grünen ein Bezirksmandat inne. Was den Chefposten im “neunerhaus” betrifft, sei die Nachfolge bereits geregelt, Infos dazu werde es zeitnah geben.

Reiter freute sich, künftig einen “coolen, weltoffenen Bezirk” führen zu dürfen. Pläne habe er bereits, verraten wollte er diese aber noch nicht: “Wenn ich dann angelobt bin, werde ich mich melden.” Von Blimlinger, der Neubau zu dem gemacht habe, “was es heute ist”, übernehme er sowieso einen großen Rucksack an Input und Ideen.

Größte Herausforderungen in Wien-Neubau

Dieser wiederum bezeichnete nicht zuletzt den Ausbau der U2, die ab 2023 u.a. über die Neubaugasse Richtung Süden bis Matzleinsdorfer Platz fahren soll, als eine der größten Herausforderungen. Da werde es im Bereich Kirchengasse eine große Baustelle geben: “Das wird nicht ganz so angenehm.” Die Nachnutzung des bereits fast gänzlich abgesiedelten Sophienspitals sei ebenfalls ein großes Projekt. Hier wünscht sich der Bezirk etwa die Schaffung günstigen Wohnraums.

Blimlinger zog über seine mehr als 16-jährige Amtszeit eine durchaus positive Bilanz. “Ich glaube, ich habe das nicht so schlecht gemacht”, erinnerte er an wiederholte Wahlerfolge mit einem Bezirks-Spitzenwert von 45,44 Prozent im Jahr 2010. Was die Grünen in Sachen Wahlkampf von ihm lernen könnten? “Ich sage das immer wieder: Mehr Offenheit zu nicht grün-affinen Menschen.” Es sei wichtig, auch mit diesen Leuten zu kommunizieren. Da würden sich die Grünen immer noch schwer tun, auch wenn es “schon besser als vor zehn Jahren” sei. Und Blimlinger legte mit einer “Schnurre” noch nach: “In meinen ganzen sechszehneinhalb Jahren ist nur ein einziger Nationalratsabgeordneter zu mir gekommen und hat mich gefragt, wie ich das mache, so einen Zuspruch zu haben. Der ist heute Bundespräsident.”

Unklar, was Blimlinger nun vorhat

Pläne für die Zeit danach hat der Ex-Trafikant noch nicht. Er werde sich einmal zurückziehen und überlegen, was er so machen könne – denn: “Ich fühle mich noch nicht so pensionsreif, wie manche glauben.” Ein politischer Mensch werde er jedenfalls immer bleiben, mit gut gemeinten Ratschlägen an Neo-Neubau-Chef Reiter will er sich aber zurückhalten: “Ich hoffe, ich werde nicht zu einem Ex-Bezirksvorsteher, der seinem Nachfolger das Leben schwer macht.”

Der angekündigte Abgang Blimlingers ist im Übrigen nicht die einzige personelle Änderung bei den Wiener Grünen. Kürzlich hatte Vizebürgermeisterin und Verkehrsstadträtin Maria Vassilakou ihre Langzeit-Büroleiterin Claudia Smolik verloren. Und auch Pressesprecher Patrik Volf verlässt das Vassilakou-Büro.

Thomas Blimlinger: Der grüne “Marlboro Man” aus Neubau

Es ist wohl ein eher seltener Karriereweg: Der Trafikant Thomas Blimlinger hat es 2001 zum ersten grünen Bezirksvorsteher Wiens geschafft. 16 Jahre lang lenkt der Lokalpolitiker aus Neubau inzwischen die Geschicke des siebten Bezirks, der für die Öko-Partei in den Jahren zur wichtigsten Hochburg der Stadt geworden ist. Ende November zieht sich der 60-Jährige aus dem Amt zurück.

Aktiv bei den Bezirks-Grünen war Blimlinger, geboren am 9. Jänner 1957, schon viele Jahre vor seiner Kür zum “Bezirkskaiser”. Nach seinem Engagement rund um die Hainburg-Besetzung ergatterte er 1991 erstmals ein Mandat im Bezirksparlament. 1996 wurde er Klubobmann der Neubauer Grünen. Von 1992 bis 1998 war er außerdem Bundesfinanzreferent und Mitglied des Bundesvorstands der Grünen.

Eine Aufgabe, für die er durchaus die notwendige Kompetenz mitbrachte. Immerhin studierte Blimlinger Volkswirtschaft, wobei er seinen “gelernten Beruf” nie ausübte. Schon zu Studienzeiten übernahm er die Trafik seiner Vaters am Siebensternplatz.

Sehr erfolgreich für die Grünen am Start

2001 schaffte es der mit sonorer Stimme ausgestattete “Marlboro Man” aus Neubau, wie er auf der Website seiner Partei immer noch genannt wird, die Grünen erstmals in ihrer Geschichte als stimmenstärkste Partei aus einer Bezirksvertretungswahl hervorgehen zu lassen. 32,55 Prozent lautete das Ergebnis, das ihm den ersten Bezirksvorsteherposten, den die Grünen jemals in Wien innehatten, sicherte. Blimlinger gelang es in den Folgejahren, Neubau als grüne Hochburg zu stabilisieren bzw. auszubauen: 2006 legten die Grünen im siebten Bezirk deutlich auf 43,26 Prozent zu, 2010 waren es sogar 45,44 Prozent. Beim letzten Urnengang 2015 kamen die Grünen immer noch auf respektable 41,02 Prozent.

Seine Rolle als Bezirkschef legte der vormalige Trafikant durchaus streitbar an. Im Interesse des eigenen Bezirks scheute er zuweilen auch nicht den Konflikt mit der eigenen Partei im Rathaus – beispielsweise bei der Umgestaltung der Mariahilfer Straße in eine Fußgänger- und Begegnungszone, als er in der Debatte um neue Verkehrskonzepte und Busrouten mit Parteifreundin und Verkehrsstadträtin Maria Vassilakou nicht immer einer Meinung war. Äußerst kritisch beurteilte Blimlinger außerdem die “dämlichen” Wahlkampfplakate der Grünen bei der Wien-Wahl 2015, als er meinte: “Ich habe mehr Zeit verbracht, den Leuten unsere Plakate zu erklären, als über Politik zu reden.”

Blimlinger will Nachfolger Reiter nicht das Leben schwer machen

Und auch in seiner Rückzugs-Pressekonferenz mahnte er – gefragt nach seinem Erfolgsgeheimnis – von seinen Parteifreunden “mehr Offenheit zu nicht grün-affinen Menschen” ein. Zumindest nach seinem Abschied will sich Blimlinger aber offenbar mehr zurücknehmen: “Ich hoffe, ich werde nicht zu einem Ex-Bezirksvorsteher, der seinem Nachfolger das Leben schwer macht.”

(apa/red)

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