Wien aus weiblicher Sicht: Frauenspaziergänge durch die Bezirke

Von Lea Luna Holzinger
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Petra Unger führt auf den Spuren der Frauen durch Mariahilf.
Petra Unger führt auf den Spuren der Frauen durch Mariahilf. - © VIENNA.at/Lea Luna Holzinger
Auf einem Frauenspaziergang lernt man die Geschichte der Wiener Bezirke aus der Perspektive jener Frauen kennen, die dort lebten und wirkten. Petra Unger führt seit 20 Jahren mit Frauenspaziergängen durch Wien und möchte damit eine neue Wahrnehmung des öffentlichen Raumes schaffen. VIENNA.at ist mit der Kulturvermittlerin auf den Spuren der “standhaften Frauen von Mariahilf” durch den 6. Bezirk spaziert.

Neben dem Schaufenster eines Schuhgeschäfts an der Adresse Mariahilfer Straße 1b sind zwei Gedenktafeln angebracht. Eine ist der Modeschöpferin Emilie Flöge, die andere der Schauspielerin Lina Loos gewidmet. Hier beginnt der Frauenspaziergang durch den 6. Wiener Bezirk. Kulturvermittlerin Petra Unger erzählt die Lebensgeschichte Emilie Flöges, die zur Zeit der Jahrhundertwende auf der Mariahilfer Straße einen exklusiven Modesalon betrieb. Flöge war eine Freundin des Malers Gustav Klimt, der sich von ihren Entwürfen inspirieren ließ. Die zweite Gedenktafel gilt der Schauspielerin Lina Loos, deren Eltern auf der Mariahilfer Straße das Café Casa Piccolo betrieben. Sie war die erste Ehefrau des Architekten Adolf Loos. Die beiden Gedenk-Planketten entstanden auf Grundlage der Recherchen von Unger.

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Wiener Frauenspaziergänge als feministische Kulturvermittlung

Unger begann vor 20 Jahren mit ihren Frauenspaziergängen durch die Wiener Bezirke. Davor arbeitete sie als Fremdenführerin. “In der Ausbildung zur Fremdenführerin gab es überhaupt keine Frauengeschichte. Auch war die Vorgabe, Politik muss draußen bleiben. ‘Wir zeigen nur das schöne Wien'”, so Unger. Doch sie wollte genau das erzählen, was nicht gewünscht war. Unger absolvierte ein feministisches Grundstudium und einen Master in Gender Studies. Sie beschäftigte sich mit feministischer Kulturvermittlung und entwickelte so die Idee der Wiener Frauenspaziergänge.

Gratis-Spaziergänge durch die Wiener Bezirke

Bei ihren Recherchen merkt Unger immer wieder, dass es wenig Informationen zur Frauengeschichte in Wien gibt. Darin ist auch das Konzept ihrer Gratis-Führungen begründet: “Mir war es wichtig, dass die Frauen nicht dafür zahlen müssen. Wenn wir uns schon unsere Geschichte selbst suchen müssen, dann sollen wir nicht auch noch dafür zahlen müssen”, so Unger. Finanziert werden die Frauenspaziergänge unter anderem durch Kulturbudgets der Bezirke.

Die “standhaften Frauen von Mariahilf”

So führt sie auch die über vierzig Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf den Spuren der “standhaften Frauen von Mariahilf” durch den 6. Bezirk. Nächste Station des Spazierganges ist das Gymnasium in der Rahlgasse. Bei der Schule handelt es sich um Wiens erstes Mädchengymnasium, das 1892 gegründet wurde. Unger weist auf die Gedenktafel für Marianne Hainisch hin, die an der Wand des Gymnasiums angebracht ist. Hainisch war eine Vorkämpferin der ersten Frauenbewegung und setzte sich für das Recht der Frauen auf Bildung ein.

Geschichte der Frauen im öffentlichen Raum

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Unger führt weiter zum Johanna-Dohnal-Platz. Dieser ist nach Österreichs erster Staatssekretärin und erster Frauenministerin benannt. An dieser Stelle thematisiert Unger Bedeutung und Wirkung von Frauennamen im öffentlichen Raum. Frauennamen im öffentlichen Raum seien wichtig, da Geschichte identitätsbildend sei. “In diesem Sinn ist es wichtig, auch die Geschichte der Stadt abzubilden.” In Wien seien jedoch nur 10 Prozent der Straßennamen nach Frauen benannt. Dies würde sich jedoch langsam ändern. Johanna Dohnal lebte zwar nicht im 6. Bezirk, aber ihr wurde hier ein Ehrenplatz gesetzt.

Frauenspaziergänge für alle Geschlechter

Unger sieht ihre Frauenspaziergänge als politische Erwachsenenbildung und nicht als “touristisches Unterhaltungsprogramm”. “Ich möchte mit meinen Frauenspaziergängen mehr Bewusstsein für Frauenpolitik schaffen”, so Unger. Ihre Führungen stehen für alle Geschlechter. Es würden jedoch mehr Frauen als Männer an den Spaziergängen teilnehmen. “Für Männer ist das auch eine Herausforderung. Die Spaziergänge sind eine Kritik an einem Gesellschaftssystem, das Männer immer noch privilegiert”, meint Unger. Die Spaziergänge könnten laut Unger Männer bereichern und ihren Blick auf die Geschichte verändern.

Geschichten der Frauen in Wien erzählen

Auch an dem Spaziergang durch Mariahilf nehmen nur drei Männer teil. Unger geht voran zum Helene-Bauer-Platz, der der berühmten Journalistin und Intellektuellen des Roten Wiens gewidmet ist. Sie war außerdem die, laut Unger “wesentlich unterschätzte” Ehefrau von Otto Bauer. “Es macht Mut, die Geschichten von Frauen zu hören. Zu hören, was sie trotz der Widrigkeiten, trotz der Prügel, die man ihnen in den Weg gelegt hat, leisten konnten”, so Unger über ihre Spaziergänge.

Ermutigung von Frauen als Ziel

Weiter geht es zum Theater an der Wien, an dessen Fassade in der Millöckergasse eine Tafel Marie Geistinger gewidmet ist. Die Schauspielerin leitete zwischen 1869 und 1875 gemeinsam mit Maximilian Steiner das Theater an der Wien. Ein paar Schritte weiter erinnert eine Plakette am Gehsteig vor dem Haupteingang des Theaters an der Wien an der Linken Wienzeile an die jüdische Malerin Malva Schalek, die ihr Atelier direkt über dem Theater hatte. Unger erzählt die Geschichte von Schalek, die von den Nationalsozialisten nach Lodz deportiert und in Auschwitz ermordet wurde.

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Unger beendet ihren Frauenspaziergang am Naschmarkt. Sie erinnert an die selbstbewussten Marktfrauen, die seit dem Barock für ihr derbes Mundwerk bekannt waren. Sie wählt für ihre Spaziergänge verschiedene Biografien aus, um die Vielfalt der Frauenleben sichtbar zu machen. Sie sieht die Ermutigung von Frauen als wesentliches Element ihrer Spaziergänge. “Ich möchte Frauen ermutigen. Gestaltet eure Welt selbst! Überlasst es nicht den Männern.”

Mehr Informationen über die Wiener Frauenspaziergänge auf www.frauenspaziergaenge.at.

(Red.)

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