Stella Rollig und Wolfgang Bergmann: Die neue Belvedere-Direktion im Interview

Wolfgang Bergmann und Stella Rollig, die neuen Chefs des Wiener Belvedere.
Wolfgang Bergmann und Stella Rollig, die neuen Chefs des Wiener Belvedere. - © APA/Hans Klaus Techt
Seit Anfang des Jahres stehen die ehemalige Linzer Lentos-Direktorin Stella Rollig und der frühere “Standard”-Vorstand Wolfgang Bergmann an der Spitze des Wiener Belvedere. Nun sprechen sie ausführlich über ihre neue Aufgabe.

Die ehemalige Linzer Lentos-Direktorin Stella Rollig und der frühere “Standard”-Vorstand Wolfgang Bergmann traten Mitte Jänner das schwere Erbe von Agnes Husslein-Arco an der Spitze des Wiener Belvedere an.

Die APA sprach mit den beiden über Gefahr im Verzug im Haus, ihr Angebot für eine weitere Bespielung des Winterpalais, die komplette Neugestaltung der Schausammlung und ihren Sportsgeist.

Frage: Frau Rollig, Ihre ersten 100 Tage als Belvedere-Chefin sind vorüber. Wie haben Sie persönlich Ihre Rückkehr nach Wien erlebt?

Stella Rollig: Ich habe das schönste Museum Österreichs übertragen bekommen – und ich bin als Wienerin in meine Heimatstadt zurückgekehrt. Aber ich merke in meiner exponierten Position durchaus, dass man den Wiener Rankünen ausgesetzt ist.

Und haben Sie, Herr Bergmann, den Umstieg von der Medienbranche in den Museumsbetrieb als Beruhigung erlebt?

Wolfgang Bergmann: Von der Außenperspektive her ja, weil ich nicht so in der Auslage stehe. Gleichzeitig gibt es aber auch bei mir keine Schonfrist, weil in manchen Dingen praktisch Gefahr im Verzug war.

Worauf beziehen Sie das?

Bergmann: Das Obere Belvedere ist ein großer Publikumsmagnet und ein Wahrzeichen. Deshalb müssen wir unsere Infrastruktur mit den steigenden Besucherzahlen nachrüsten. Hier ist an allen Ecken und Enden Handlungsbedarf. Da sind große Lösungen gefragt, weil viele der bisherigen Maßnahmen im Renovierungs- oder Klimabereich nie ganzheitlich gedacht wurden. Bei der Klimasteuerung sind die Dinge nicht aufeinander abgestimmt. Auch das Thema, wie die Menschen ins Haus kommen, muss neu gedacht werden.

Der Eingang durch die Sala terrena könnte demnach verlegt werden?

Bergmann: Da gibt es keine Tabus. Akutsituationen werden wir schnell lösen. Den großen Themen werden wir die Zeit geben, die sie brauchen. Hier werden auch Machbarkeitsstudien notwendig sein. Das ist im Gesamten sicher ein mehrjähriger Prozess.

Ein Schritt, den Sie bereits gesetzt haben, ist der, mit Ihren Büros auf die Mitarbeiterebene zu ziehen…

Rollig: Wir wollten eine Arbeitssituation schaffen, die uns entspricht. Das hieß für mich, aus dem Turm, in dem meine Vorgängerin gearbeitet hat, herunterzuziehen. Mir ist es wichtig, auf einer Ebene mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu sein.

Wenn wir auf alle Standorte des Belvederes blicken, hatten Sie bei Ihrer Berufung von größerer Profilschärfung gesprochen. Wie weit sind Sie hier schon gekommen?

Rollig: Die Dringlichkeiten haben sich ein wenig verschoben. Zunächst hat sich überraschend herausgestellt, dass das Programm für 2017 noch nicht fertig geplant war. Einiges war nicht fixiert – von Terminen bis hin zu Lücken im Ausstellungsprogramm, die ich kurzfristig schließen musste. Zugleich gehe ich mit meinem Kunstbegriff an die Aufgabe heran: Wie kann dieses Museum meine Vorstellung von Kunst einlösen? Ich bekenne mich zu einer idealistischen Haltung: Kunst als Instrument der Welt- und Selbsterkenntnis im Dialog zwischen Kunstwerk und Betrachter/Betrachterin. Wir sind eine große Museumsmaschine mit vielen Besucherinnen und Besuchern, aber wir bieten ihnen nicht genug an nachhaltigem Kunsterlebnis. Die Mehrheit kommt wegen eines Bildes hierher: Der “Kuss” von Gustav Klimt ist weltberühmt. Derzeit haben wir eine Sammlungspräsentation, die es in erster Linie ermöglicht, den Besuch schnell abzuhaken. Wir wollen deshalb die Aufenthaltsdauer verlängern und qualitativ verbessern.

Wie kann man dies gewährleisten?

Rollig: Das Ergebnis wird in einer neuen Sammlungspräsentation zu sehen sein, die wir spätestens im kommenden Jahr zeigen werden. Die Maßnahmen reichen von mehr Information über die Werke bis zu mehr Sitzgelegenheiten. Wir brauchen eine viel frischere Hängung, eine spannungsreichere Vermittlung. Diese Änderungen kann man nur Schritt für Schritt umsetzen. Es geht schließlich um eine komplette Überarbeitung der Schausammlung.

An der Grundstruktur mit der Schausammlung im Oberen Belvedere und den Wechselausstellungen im Unteren rütteln Sie aber nicht?

Rollig: Denkbar ist alles. Nach dem jetzigen Stand unserer Überlegungen wollen wir die Wechselausstellungen im Unteren Belvedere belassen, jedoch die Epochenzuteilung schärfen. Ich möchte im Unteren Belvedere Kunst bis zum Ende des 2. Weltkriegs zeigen und die Post- und Zweite Moderne ab den 1950er-Jahren bis zur Gegenwart dem 21er Haus vorbehalten. Die Ausstellungen im Unteren Belvedere werden sich mehr aus der Forschung heraus generieren. Da muss dann auch nicht jede Schau als Blockbuster angelegt werden. Wir werden uns etwa 2018 in einer Sonderausstellung Gustav Klimt zum 100. Todesjahr widmen. Diesmal werden wir aber nicht seine Goldene Epoche feiern, sondern darauf schauen, wie sich damals die jungen Künstlerinnen und Künstler von ihm inspirieren ließen.

Wie ist der Stand der Verhandlungen zur Zukunft der TBA21 am Standort Augarten? Immer wieder gibt es Gerüchte, dass Francesca Habsburg das Areal fix verlässt…

Rollig: Der Augarten ist ein ganz spezieller Ort, von dem ich mir persönlich wünsche, dass er für die Kunst erhalten bleibt. Es gibt weiterhin Gespräche mit Francesca Habsburg. Mein Wunsch wäre, dass sie dort bleibt und das in Wien einzigartige, global konzipierte Programm der TBA21 weiterführt.

Beim Winterpalais sind die Würfel hingegen schon gefallen? An der Entscheidung, dass die Räume an das Finanzministerium zurückgehen, ist nicht mehr zu rütteln?

Rollig: Wir haben ein Gespräch mit dem Finanzminister geführt und unser Interesse am Winterpalais deponiert. Wenn es museal bespielt wird, muss es Teil des Belvederes sein – das ist die einzig schlüssige Lösung.

Bergmann: Diese Räume sind jetzt aufwendig restauriert und auf musealen Standard gebracht. Es wäre schade, den Ort nicht auch für die Öffentlichkeit zu verwenden. Unser Signal ist, dass wir bereit stehen. Der Finanzminister hat Interesse an der Nutzung für Repräsentationszwecke. Doch das ist eine Frage der Terminplanung: Es müssen dort nicht an 365 Tagen im Jahr Ausstellungen sein, es könnten Zeiträume für Veranstaltungen des Ministeriums eingeplant werden.

Eine ebenfalls umstrittene Museumsentscheidung der jüngsten Vergangenheit war die Übernahme der Essl-Sammlung in die pflegenden Hände der Albertina. Hätten Sie sie gerne gehabt?

Rollig: In Bausch und Bogen nicht unbedingt. Es hätte im Einvernehmen der betreffenden Museumsdirektorinnen und des Direktors – also von Karola Kraus, Klaus Albrecht Schröder und mir – ein Konzept für die Zukunft der Sammlung erarbeitet werden müssen. Da werden Sie jetzt keine Lösung von mir hören. Aber die Sammlung in toto als Dauerleihgabe staatlich zu übernehmen und der Albertina zuzuschlagen, halte ich für falsch.

Könnte die im Zuge des Weißbuchs neugeformte Bundesmuseenkonferenz solche Schritte künftig verhindern?

Bergmann: Das ist zu hoffen. Das Essl-Beispiel hat mit Kooperation überhaupt nichts zu tun, sondern ist das Gegenteil davon. Insofern ist zu hoffen, dass das ein einmaliger Vorgang war.

Rollig: So kooperationsbereit wir sein mögen und so gut die Gesprächsbasis bilateral ist, muss doch gesagt werden, dass die Museen Konkurrenten sind. So lange Besucherzahlen als einziges Erfolgskriterium herangezogen werden, kann niemand erwarten, dass man Blockbuster-Ausstellungen einem anderen Haus überlässt. Ich möchte hier ein bisschen Druck aus dem Rennen nehmen – wenn ich auch nicht den Eindruck erwecken möchte, keinen Sportsgeist zu haben. Bei den Rankings der Besucherzahlen werden aber oft Äpfel mit Birnen verglichen.

Bergmann: Das ist wie bei der Auflagenkontrolle im Medienbereich. Wir wissen alle, dass gewisse Kennzahlen teuer im Markt eingekauft werden können. Dabei ist es manchmal besser, die letzten Prozent in der Auflage nicht zu pushen, weil es dem Produkt besser tut. Das gilt auch für Museen. Ich weiß, dass manche Zahlen nicht das Papier wert sind, auf dem sie stehen.

Zum Abschluss: Wie tief sind noch die Gräben im Belvedere nach den Kalamitäten des vergangenen Jahres?

Rollig: Mittlerweile gibt es eine Aufbruchsstimmung im Belvedere. Wolfgang Bergmann und ich haben einen teamorientierten Führungsstil, mein Grundsatz ist, dass ich allen in diesem Haus genau zuhöre.

Bergmann: Manche Entscheidungen müssen an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zurückgespielt werden, weil nicht alles auf der Ebene der Geschäftsführung entschieden werden kann. Da müssen sich manche erst umgewöhnen. Aber die Stimmungslage ist positiv. Eine Entspannung gab es sicher schon dadurch, dass beide Kontrahentinnen von damals nicht mehr im Haus sind. Der Einstieg und der Start sind uns gelungen.

(APA, Red.)

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