Heumarkt: Interview mit Chefin des Architekturzentrums

Die Chefin des Architekturzentrum Wien im Interview
Die Chefin des Architekturzentrum Wien im Interview - © APA
Innerhalb der fortgesetzten Debatte rund um das Heumarkt-Projekt will sich die neue Chefin des Architekturzentrum Wien, Angelika Fitz, für keine Seite festlegen: “Ich bin sicher nicht diejenige, die Daumen rauf oder runter macht”.

Im Interview mit der APA zeigt sich sich zudem zwiespältig hinsichtlich dem Weltkulturerbe-Status.

Heumarkt-Areal: Chefin des Architekturzentrums im Interview

“Es wäre schön, wenn Wien kein Weltkulturerbe brauchen würde. Denn die Bewahrung einer historischen Stadt im Wandel – eine Stadt wie Wien sollte fähig sein, das selber zu managen”, meint die Direktorin. Andererseits sei der Status als “Bremse” doch ganz gut – “auch wenn ich mit manchen Vorgangsweisen und Aussagen nicht immer einverstanden bin”. Wegen eines geplanten 66 Meter hohen Wohnhausturms neben dem Eislaufverein droht der Bundeshauptstadt die Aberkennung des Welterbeprädikats durch die UNESCO. Planungsstadträtin Maria Vassilakou (Grüne) hält weiter an den Plänen der privaten Betreibers Wertinvest fest, obwohl es neben Denkmalschützern oder dem 1. Bezirk zuletzt auch Widerstand in den eigenen Reihen gab. Derzeit läuft eine Urabstimmung unter allen rund 1.000 Parteimitgliedern der Grünen.

Keine Debatte rund um den Abriss des Hotel Intercontinental

“Die Situation scheint dort eher verfahren zu sein, aber ich finde spannend, was die Debatte alles produziert. Es sind schon lange nicht mehr so viele städtebauliche Argumente verhandelt worden”, meint Fitz. Interessant sei aber, dass immer nur über das Hochhaus und nie über den Abriss des ebenfalls am Standort befindlichen Hotel Intercontinental – es soll etwas verrückt und anders gestaltet neu errichtet werden – und damit “über den Umgang mit dieser Art von 1960er- und 1970er-Jahre-Moderne” debattiert werde.

“Das Bundesdenkmalamt ist selten bei uns in der Az W Sammlung, um sich Pläne und Material über die Nachkriegsmoderne – wir haben das alles – anzuschauen. Ich sage nicht, dass man das alles schützen muss, aber man sollte zumindest hinschauen. Bei jedem Gründerzeithaus gibt es sofort eine Diskussion”, gibt die Neo-Chefin zu bedenken. Den Eindruck, dass in Wien kaum noch Bauprojekte ohne Bürgerprotest durchzusetzen sind, kann Fitz so nicht teilen: “Es gibt eine viel aktivere Zivilgesellschaft, das finde ich gut.” Und es gebe inzwischen viele Menschen, “die nicht nur aufmucken, wenn sie wo dagegen sind, sondern die auch mitarbeiten und mitplanen wollen”, verweist Fitz etwa auf zahlreichen Baugruppenprojekte.

Für Mehrwertabgabe nach Basler Vorbild

“Nicht ideal” sei es allerdings, wenn Beteiligungsprozesse – wie im Fall Heumarkt oder auch bei den Althangründen – von Investoren getragen würden: “Ein Investor hat natürlich Interessen. Das ist ihm auch nicht vorzuwerfen.” Fitz plädiert für eine Art Mehrwertabgabe nach Basler Vorbild. Dort wird bei Umwidmungen der dadurch zu erwartende Gewinn für das Grundstück errechnet, von dem die öffentliche Hand einen Anteil abschöpft: “Dadurch kommt die Stadt nicht mehr so sehr in die Verlegenheit, dass sie Investoren die Gestaltung von öffentlichen Räumen umhängen und hoffen muss, dass es dann eh gut wird, sondern sie kann das selber machen.” Zur Erklärung: Beim Heumarkt argumentiert die Stadtregierung u.a. damit, dass durch das Projekt der privaten Wertinvest auch das Areal des Eislaufvereins verschönert und öffentlich ganzjährig nutzbar gemacht werde.

Forderungen, wonach die Bürger über die Neugestaltung abstimmen sollten, kann Fitz nichts abgewinnen: “Abstimmungen halte ich für keinen idealen Modus. Da kommt es zu sehr subjektiven Geschmacksurteilen. Architektur und Stadtplanung sind aber viel komplexer.” Es gehe vielmehr darum, verschiedene Formate zu entwickeln, wodurch schon vorab Meinungen und Bedürfnisse ernsthaft eingebracht werden könnten – wobei die Stadt hier laut Az W-Chefin auf einem guten Weg ist: “In Wien ist es teilweise gelungen, solche Schnittstellen zu schaffen.”

Anerkennung und Respekt für sozialen Wohnbaupolitik

Anerkennung und Respekt hat die Direktorin auch für das Rote Wien und seiner sozialen Wohnbaupolitik über. Denn die Stadt sei nie – wie etwa viele deutsche Städte – der Versuchung erlegen, hier etwas zu verkaufen. Es stelle sich aber schon die Frage: “Wird die Qualität gehalten oder geht es jetzt um schneller, billiger, mehr? Das ist im Moment schon gefährlich – sowohl was die Qualität der einzelnen Gebäude, aber auch der Außenräume und Freiflächen betrifft und unter dem Aspekt, dass nicht nur Siedlungen gebaut werden, sondern dass Stadt gebaut wird.”

Dass außerdem jetzt wieder mehr kleine Wohnungen gebaut würden, sei verständlich. Man müsse aber aufpassen, eine gewisse Multifunktionalität zu behalten. “Wir schwärmen alle von der Gründerzeit, weil man hier wohnen und Büros machen kann, aber in einem zehn Quadratmeter großen Kinderzimmer mit einer Raumhöhe von 2,50 Metern – was soll da sonst noch jemals passieren? Ein Kopierraum vielleicht.”

(APA/Red.)

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