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Wiener Kaffeehauskultur: Oberkellner Herr Herbert geht in Pension

Herr Herbert geht nach 42 Jahren als Ober in seine wohlverdiente Pension.
Herr Herbert geht nach 42 Jahren als Ober in seine wohlverdiente Pension. ©Cafè Mozart
"Man vertraue immer auf den Rat des Obers". Bei Herbert Seidlberger war dieser Ratschlag mehr als angebracht. Die Wiener "Ober-Legende" wurde am Montag in den Ruhestand verabschiedet.

Smoking, schwarzes Mascherl und ein mehr oder weniger freundliches Wort auf den Lippen – die Ober in Wiens traditionellen Kaffeehäusern sind fast genauso bekannt wie die Institution selbst. Herbert Seidlberger arbeitete 42 Jahre für die Familie Querfeld – 16 Jahre im Cafe Landtmann und 26 Jahre als Oberkellner im Cafe Mozart. Am Montag wurde die “Ober-Legende” in den Ruhestand verabschiedet.

42 Jahre in der Gastronomie

“Es ist bei Gott nicht alltäglich, einen Mitarbeiter nach 42 Jahren in die Pension zu entlassen”, sagte der sichtlich bewegte Landtmann-Chef Berndt Querfeld bei der Feier in der Bel Etage des berühmten Kaffeehauses. Gerührt von der Zeremonie, bei der er unter anderem von Arbeiterkammerpräsident Rudolf Kaske mit einer Urkunde geehrt wurde, war auch Seidlberger, auch wenn ihm “weniger vielleicht lieber gewesen” wäre, wie er bescheiden anmerkte.

Wichtig für den Beruf: Menschlichkeit

Seidlberger begann 1976 als Lehrling im Landtmann. Er war der erste Lehrling, den die Querfelds ausbildeten. “An etwas Negatives kann ich mich überhaupt nicht erinnern”, sagte Seniorchefin Anita Querfeld. “Er hat das Metier gekannt, er hat die Gäste gekannt und er war sehr beliebt.” In seiner langen Berufslaufbahn leitete Seidlberger später selbst zahlreiche Lehrlinge an. Ihnen habe er vor allem eines mitgegeben, erzählte er: “Menschlichkeit. Immer eingehen auf die Gäste.”

Als die Familie Querfeld 1993 das Cafe Mozart am Albertinaplatz übernahm, wechselte Seidlberger als Oberkellner in das neu eröffnete Cafe. “Die ersten Monate waren wirklich eine harte Zeit”, berichtete er. Schließlich sei das Kaffeehaus zuvor ein Jahr lang geschlossen gewesen. Danach wieder Gäste zu bekommen, sei nicht leicht gewesen. Aber “Herr Seidlberger hat sich durchgebissen”, sagte Anita Querfeld.

“Jeder Tag war anders”

Am schönsten an seinem Job sei gewesen, dass er sich jeden Tag auf die Arbeit gefreut habe und “jeder Tag anders war”. Nicht nur lieb gewonnene Stammgäste, auch viele Prominente kamen in die beiden zentral gelegenen Kaffeehäuser: ins Landtmann die Schauspieler aus dem Burgtheater, ins Cafe Mozart die Sänger der Oper. Besonders in Erinnerung blieb Seidlberger “Hansi” Hölzl alias Falco. Der Popstar sei privat “ganz anders” gewesen, “ein ganz klasser Bursch”.

Kein grantelnder Ober

Dem Klischee des grantelnden Obers entspricht Seidlberger nicht. Auch die lästigsten und unangenehmsten Gäste habe er stets freundlich behandelt, erzählte Kaske, der die Familie Querfeld und Seidlberger seit vielen Jahren kennt. “Herbert Seidlberger hat in seinem Job immer Humor bewiesen”, sagte Kaske. “Es ist nicht selbstverständlich, dass jemand mehr als 40 Jahre in einem Beruf verbringt. Das spricht für das Unternehmen und natürlich für den Herrn Herbert”.

In der Pension will Seidlberger die selbst erfundenen Geschichten, die er seinen fünf Enkeln vor dem Schlafengehen erzählt, aufschreiben. Auch fürs Gärtnern in seinem Schrebergarten in Simmering hat er jetzt endlich Zeit, wie er betonte.

(APA/red)

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